Der vergiftete Brunnen
Ich habe mich seit graumer Zeit so ziemlich aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen — zumindest als Konsument. Natürlich bespiele ich die Kanäle noch. Aber selbst lesen? Reagieren? Das ist eine absolute Seltenheit geworden. Und das aus gutem Grund.
Der Brunnen, aus dem ein kreativer Mensch schöpft, ist eine merkwürdige Konstruktion. Man stellt ihn sich gern als etwas Romantisches vor: ein Ort, an dem Ideen einfach auftauchen, gespeist von Eindrücken, Gesprächen, Büchern, Filmen, zufälligen Beobachtungen. Doch wer lange genug kreativ ist, merkt irgendwann, dass dieser Brunnen kein mystisches Naturphänomen ist. Er ist ein empfindliches System. Und wie jedes empfindliche System kann er nicht nur austrocknen — er kann auch vergiftet werden.
Das eigentlich Beunruhigende an der Gegenwart ist nämlich nicht, dass es an Eindrücken mangelt. Ganz im Gegenteil. Die Welt liefert mehr Material als jemals zuvor. Krisen, Konflikte, politische Eskalationen, ökonomische Unsicherheiten, ein permanentes Hintergrundrauschen aus Katastrophenmeldungen und Kommentaren. Der moderne schaffende Mensch lebt in einem Zustand permanenter Informiertheit. Es gehört mittlerweile fast zum moralischen Pflichtprogramm, über die großen Entwicklungen der Gegenwart Bescheid zu wissen. Ignoranz wirkt schnell wie eine Form von Gleichgültigkeit, und Gleichgültigkeit ist ein Luxus, den sich viele Menschen angesichts der Lage der Welt nicht mehr leisten wollen.
Doch irgendwo zwischen moralischer Wachsamkeit und geistiger Überforderung liegt ein Punkt, an dem die Dinge kippen. Man merkt das meist nicht sofort. Es beginnt subtil. Der Kopf wird schwerer, die Gedanken enger, der Blick auf die Welt dunkler. Und irgendwann stellt man fest, dass der eigene kreative Brunnen zwar noch existiert, aber das Wasser darin einen bitteren Geschmack angenommen hat.
Der amerikanische Schriftsteller Neil Gaiman hat einmal einen Satz gesagt, der durchaus richtig ist: „The world always seems brighter when you’ve just made something that wasn’t there before.“ Er erinnert daran, dass Kreativität eine Form von Gegenbewegung zur Welt sein kann. Etwas zu erschaffen bedeutet nicht unbedingt, die Realität zu ignorieren, aber es bedeutet, ihr einen anderen Raum entgegenzusetzen. Einen Raum, in dem neue Gedanken möglich sind, statt nur auf Ereignisse zu reagieren. Das Problem ist nur, dass dieser Raum heute schwerer zu erreichen ist als früher.
Viele Autor:innen, Fotograf:innen oder Filmemacher:innen haben ihre kreativen Impulse lange Zeit aus einem digitalen Ökosystem gezogen, das heute fast verschwunden ist. In den frühen Jahren des Internets existierten zahllose kleine Orte, die man rückblickend fast idyllisch nennen könnte: Messageboards, Blogs, thematische Foren. Wer sich für Fotografie interessierte, fand plötzlich irgendwo eine Diskussion über eine obskure Technik aus den siebziger Jahren. Wer Filme liebte, stieß auf einen Blog, in dem jemand leidenschaftlich über einen vergessenen osteuropäischen Regisseur schrieb. Die Struktur des Netzes war unübersichtlich, aber gerade diese Unübersichtlichkeit erzeugte Entdeckungen: Man stolperte über Dinge.
Diese Kultur wurde über Jahre hinweg von großen Plattformen absorbiert oder verdrängt. Facebook und Reddit sind vielleicht die sichtbarsten Beispiele für diese Entwicklung. Sie versprachen zunächst genau das, was viele Menschen suchten: zentrale Orte, an denen Diskussionen, Empfehlungen und kulturelle Interessen zusammenlaufen. Doch irgendwann begann sich die Logik dieser Räume zu verändern. Das geschah nicht plötzlich. Es geschah algorithmisch.
Plattformen, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit basiert, haben ein strukturelles Interesse daran, Inhalte zu maximieren, die Reaktionen hervorrufen. Empörung, Angst, Konflikt und Skandal funktionieren in diesem System besonders zuverlässig. Der Philosoph Theodor W. Adorno beschrieb schon Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eine „Kulturindustrie“, in der kulturelle Produkte zunehmend standardisiert werden, um besser konsumierbar zu sein. Der Algorithmus ist gewissermaßen die radikalste Weiterentwicklung dieser Idee. Er standardisiert Kultur nicht nur – er verstärkt systematisch alles, was emotionale Reibung erzeugt.
Wer heute eine Facebook-Timeline öffnet, sieht deshalb selten das, was er ursprünglich abonniert hat. Stattdessen erscheint eine Mischung aus Vorschlägen, Werbung, algorithmischen Empfehlungen und viralen Inhalten. Viele Nutzer:innen berichten inzwischen, dass der größte Teil ihrer Timeline aus Dingen besteht, die sie nie aktiv gesucht haben. Man betritt diese Plattformen mit der Hoffnung auf Inspiration und findet sich plötzlich in einem Strom von Material wieder, der weniger kuratiert als aufgezwungen wirkt und sich meist nach einer Empörungsskala richtet.
Der kreative Brunnen wird in diesem Moment nicht durch einen einzelnen Inhalt vergiftet, sondern durch die Struktur des Systems selbst. Die permanente Überfütterung mit Themen, Konflikten und Krisen verändert die innere Stimmung, aus der heraus man schreibt oder denkt.
Man könnte nun einwenden, dass es mittlerweile Alternativen zu diesen Plattformen gibt. Netzwerke wie Mastodon oder Bluesky funktionieren weitgehend ohne klassische Empfehlungsalgorithmen, ihre Timelines sind oft chronologisch und stärker von den eigenen Follow-Listen bestimmt. Und tatsächlich fühlen sich diese Räume zunächst anders an: Ruhiger, weniger aggressiv und weniger manipulativ.
Doch auch hier zeigt sich ein anderes Problem der Gegenwart: Die Welt selbst ist für fast alle schwerer geworden. Menschen äußern ihre Perspektiven, reagieren auf politische Entwicklungen, teilen ihre Sorgen oder ihre Wut. Das ist im Grunde eine gesunde demokratische Praxis, vielleicht sogar eine notwendige. Aber für jemanden, der ohnehin mit der eigenen geistigen Hygiene ringt, kann selbst eine sorgfältig kuratierte Timeline irgendwann zu einer weiteren Quelle von Überlastung werden.
Die Informatik kennt für solche Situationen einen treffenden Begriff: Stack Overflow. Zu viele Prozesse laufen gleichzeitig, zu viele Signale konkurrieren um Aufmerksamkeit. Das System funktioniert noch, aber es gerät in einen instabilen Zustand.
Der Schriftsteller David Foster Wallace hat einmal über Medienlandschaften gesprochen, die so laut werden, dass sie schließlich zum permanenten Hintergrundrauschen des Lebens werden. Wenn dieses Rauschen konstant bleibt, wird es schwer, darin noch eine eigene Stimme zu hören.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Dilemma der kreativen Arbeit in der Gegenwart. Inspiration entsteht selten im Zentrum des Lärms. Sie entsteht eher in Momenten der Distanz. In Begegnungen mit Dingen, die nicht bereits durch denselben Informationskreislauf gefiltert wurden.
Viele Künstler berichten deshalb von einer wachsenden Rückkehr zur analogen Welt. Bücher, Filme, Ausstellungen, Zines, Gespräche, Spaziergänge durch fremde Städte. Der Fotograf Alec Soth hat mehrfach beschrieben, wie wichtig für seine Arbeit das physische Durchblättern von Fotobüchern und das langsame Entdecken fremder Perspektiven ist. Solche Erfahrungen haben eine andere Zeitlichkeit als digitale Feeds. Sie verlangen Geduld. Aufmerksamkeit. Eine gewisse Form der Hingabe.
Doch selbst dieser Weg hat eine merkwürdige Ironie. Wie findet man diese Dinge überhaupt noch? Wie stößt man auf ein neues Buch, einen kleinen Film, eine Ausstellung in einer entfernten Stadt? Oft geschieht genau das wieder über die gleichen digitalen Kanäle, die man eigentlich zu meiden versucht. Der (Teufels-)Kreis schließt sich.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung unserer Zeit deshalb nicht nur darin, wieder neue, unvergiftete Inspirationsquellen zu finden, sondern auch die bestehenden zu schützen. Der kreative Brunnen war früher ein offener Platz, an dem viele Zuflüsse zusammenkamen. Heute gleicht er eher einem Garten, den man bewusst schützen muss, damit der nicht radikal überwuchert und zerstört wird.
Der Künstler und Autor Austin Kleon hat diesen Gedanken einmal in eine simple Formel gepackt: „Garbage in, garbage out.“ Wenn das Material, mit dem wir unsere Aufmerksamkeit füttern, dauerhaft toxisch ist, wird es irgendwann auch unsere (kreativen) Gedanken vergiften.
Das bedeutet nicht, dass man die Welt vollständig ausblenden sollte. Eine schaffende Person, die völlig unberührt von der Realität bleibt, kann schnell den Kontakt zu dem verlieren, worüber sie sich eigentlich ausdrücken will. Aber es geht auch nicht um völlige Ignoranz sondern um Dosierung. Um die Fähigkeit, zwischen Wachsamkeit und Selbstschutz zu unterscheiden.
Vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit unserer Zeit: Der kreative Brunnen versiegt nicht von selbst. Aber er bleibt nur trinkbar, wenn man aufpasst, was man hineinlässt. Und selbst die best gemeinte Social Media Timeline ist mir momentan zu toxisch.



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