Die Anmaßung des Betrachters
Welche Meinungen sind eigentlich wirklich relevant, wenn wir ein Porträt betrachten und bewerten? Spontan ließe sich sagen: die der beiden unmittelbar Beteiligten — der Person vor der Kamera und derjenigen dahinter. Doch ganz so einfach ist es nicht, wenn wir nur an Arnold Newmans ikonisches Porträt von Alfred Krupp oder an Aufnahmen von Pressefotograf:innen denken, die durch Perspektive und Timing unmissverständlich Haltung zeigen. Spätestens hier wird deutlich: Wir müssen zunächst den Zweck eines Bildes in den Blick nehmen. Erst er bestimmt, welche Stimmen bei der Bewertung Gewicht haben und welche nicht.

Bei diesem Bild haben sich Leute häufig beschwert, dass sie diese „schrecklichen“ Kopfhörer auf hätte. Ylva, Schülp 2025
Denn zweckfreie Bilder gibt es nicht. Jede Aufnahme entsteht aus einer Motivation heraus: um Produkte, Filme oder Musik zu verkaufen, um zu informieren (und zunehmend auch zu manipulieren), um Erinnerungen zu bewahren, das eigene Portfolio zu erweitern oder schlicht technische Fähigkeiten zu schärfen. Manchmal mag die Freigabe eines Bildes tatsächlich allein vom Auftraggeber abhängen, am Ende entscheidet über den Erfolg oft jedoch nur, ob das Bild Reichweite oder Umsatz generieren konnte. Was die unmittelbar Beteiligten oder gar das Publikum über die Bildästhetik denken, ist dann nebensächlich.
Bevor wir allerdings tief in die Kommunikationswissenschaft um Harold Dwight Lasswell abtauchen, möchte ich die Fragestellung auf eine Bildkategorie eingrenzen, die in unserem digitalen Alltag besonders präsent ist: jene Fotografien, die in Zusammenarbeit zwischen Fotograf:innen und nicht-professionellen Models entstehen und in sozialen Medien, Onlinegalerien und Foren geteilt werden. Genau hier werden Grenzen am häufigsten überschritten — und in Deutschland, der Hochburg des Kritisierens und Mäkelns, ganz besonders.

Bei Bildern wie diesen wird sich immer wieder vehement über den Swirl aufgeregt. Lina, Kiel 2024
Für mich sind bei solchen Bildern in erster Linie die Meinungen der beiden eingangs erwähnten beteiligten Parteien entscheidend. Wer ein Foto ins Netz stellt, öffnet es zwar zwangsläufig dem Betrachter als weitere Partei, doch ist eine Veröffentlichung kein Freibrief, um ungefragt jedes Detail des Bildes zu zerlegen, insbesondere dann nicht, wenn es sich nicht um überprüfbare technische Aspekte handelt, sondern um puren Geschmack. Es freut mich, wenn anderen meine Bilder gefallen. Wenn nicht: auch gut. Niemand ist gezwungen, sich weiter damit zu befassen und kann einfach weiter scrollen. Die Hauptsache bleibt, dass Model und Fotograf:in mit dem Ergebnis zufrieden sind.
Zu einem Porträt von Jana-Marie (unten) schrieb nun ein Forennutzer:
Die Farbaufnahme hat zwar auch einen gut arrangierten Schärfeverlauf, ist aber von den Farben sehr flach, die Pose künstlich, der Blick nicht fesselnd für den Betrachter und die Brille langweilig. Wenn Brille, dann eine Charakterbrille.

Der Stein des Anstoßes – das Portrait von Jana-Marie, Selent 2024
Das Problem an dieser Aussage ist, dass eine persönliche Meinung nicht als solche dargestellt, sondern als eine Art allgemeingültiges Urteil präsentiert wird. So klein der Unterschied im Wording sein mag, so groß ist der Unterschied in der Wirkung.
Betrifft das allgemeine ästhetische Betrachtungen, stört mich das nicht weiter. Ja, die Farben sind flach – weil sie genauso sein sollen. Ich mag keine grellen Bilder. Wenn ich Farbe einsetze, dann dezent. Dass jemand es bunter bevorzugt, ist sein gutes Recht, betrifft aber nicht meine Arbeit. Was mich wirklich stört, sind die danach folgenden Urteile, die in dieser Art der Formulierung nur anmaßend sind.
Die Pose sei künstlich, die Brille langweilig? Wie vermessen ist es, einer Person ihre eigene Brille abzusprechen, nur weil sie nicht ins ästhetische Konzept des Kommentators passt. Dabei trug sie einfach nur ihre Brille, weil sie ihr gefällt und sie für sich zu ihrem Erscheinungsbild gehört. Dass sie die Pose selbst ohne jede Inszenierung meinerseits gewählt hat, außer der Bitte, sich ans Geländer zu lehnen, unterstreicht nur die Eigenständigkeit ihrer Person und des Moments.

Hier störten sich manche an der (fehlenden) Tiefenschärfe. Lizzy, Kiel 2024
Hier wird eben nicht mehr das Bild, sondern der Mensch kritisiert. Ein Mensch, der damit kein Geld verdient und keine professionelle Außendarstellung gelernt hat. Bodyshaming ist glücklicherweise inzwischen gesellschaftlich geächteter, doch diese Form des Appearanceshamings scheint noch völlig akzeptiert zu sein, basierend allein auf subjektivem Geschmack.
Besonders irritierend wird es, wenn ein Nutzer im Nachgang der Diskussion noch trotzig verkündet, er mache keinen Unterschied zwischen Profimodels und normalen Menschen. Aber dieser Unterschied existiert: Wer beruflich vor der Kamera steht, weiß um das Risiko, bewertet und kritisiert zu werden. Und er bekommt eine Entlohnung dafür, die auch das Tragen dieses Risikos mit abdeckt. Ein gewisses dickes Fell gehört zum Job. Von Laien lässt sich das nicht verlangen und schon gar nicht bekritteln, zumindest nicht, wenn man über grundlegenden Anstand verfügt.

Auch oft angegangen – die Schatten im Gesicht von Nella, Kiel 2025.
Ich frage mich oft, was die Motivation hinter solchen Kommentaren ist. Auf Kritik an ihren Aussagen reagieren die betreffenden Nutzer meist ablehnend und empfindlich. Dann heißt es schnell: Wer öffentlich postet, muss mit so was rechnen oder nur durch Kritik lernt man. Doch das zieht nicht. Zumindest nicht, solange es an Selbstreflexion fehlt und solange man nicht anerkennt, dass es in vielen Fällen schlicht um Geschmacksurteile geht, über die sich kaum sinnvoll diskutieren lässt. Vor allem aber solange der Fokus nicht beim Bild bleibt, sondern sich auf die abgebildete Person richtet, die sich in den meisten Fällen gar nicht selbst verteidigen kann.
Ich möchte mich gar nicht gegen jegliche Kritik verwehren, ganz im Gegenteil. Konstruktive Kritik ist immer herzlich willkommen. Rückmeldungen zur persönlichen Wirkung eines Fotos können wertvolle Einblicke geben, wie Fotos und die intendierte Wirkung tatsächlich auf die Betrachter wirken, die beim Shooting gar nicht dabei waren und die Hintergründe und Gedanken, die man beim Shooting selbst im Kopf hatte, gar nicht kennen. Technische Anmerkungen können konkret weiter helfen. Aber auch Nachfragen zur Intention sind in meinen Augen legitim: Warum dieser Bildschnitt? Warum jene Farbwahl? Im besten Fall führt das tatsächlich zu einer Selbstreflexion sowohl auf der Seite des Fragenden, sofern dieser eine Antwort auf seine Fragen erhält, als auch des Adressaten. Doch eines sollten sich Betrachter:innen verkneifen: vermeintlich objektive Urteile über Laien-Models. Denn an diesem Punkt überschreiten Kommentatoren eine Grenze und offenbaren weniger etwas über das Bild, sondern vielmehr über die Anmaßung des Betrachters.
Dieser Text ist auch in der vierten Ausgabe meines Zines „Gedanken zur Fotografie“ erschienen. Du kannst Dir das Zine hier entweder kostenfrei als PDF herunterladen oder es Dir für günstige 4.90 € als gedruckte Version bestellen.
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!




Sehr guter Beitrag!
Du sagst genau das, was mir auch sehr missfällt wenn ich grad Kommentare zu Personenfotografie lese. Was da teils vom Stapel gelassen wird, ist unterirdisch. Aber stimmt schon, Deutschland ist das Land der Meister im rummeckern und kritisieren und alles schlecht reden.
Schlimm 🙁