Die Fotografie ist tot, aber echte Fotografie bleibt notwendig
Ich habe Ende 2024 in meinem Blog und Anfang 2025 in der ersten Ausgabe meines Zines bereits ausgerufen: Die Fotografie ist tot, es lebe die Fotografie! Für einen Text über KI und ihre volatile Entwicklung ist er erstaunlich gut gereift.
Gemessen daran, wozu Systeme wie Googles Nano Banana Pro inzwischen fähig sind, lohnt es sich dennoch, einige Punkte neu zu überdenken — vor allem die Frage, wo in Zukunft eigentlich der Platz für Fotografie bleibt. Zumindest für jene Fotografie, die weder der journalistischen Dokumentation noch der autonomen Kunstproduktion zuzurechnen ist. Die private Erinnerungsfotografie bleibt, sieht man von den allgegenwärtigen KI-Optimierungen in Smartphones und Kameras ab, bislang vergleichsweise unberührt.

Mit Nano Banana Pro lassen sich inzwischen problemlos Bilder im Stile der Broken Body Serie erstellen. Doch für das Konzept der bisherigen Serie und der Rezeption dazu ist es entscheidend, dass es sich um echte Menschen handelt.
Zur Rolle von KI in der Kunst habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Der journalistischen Fotografie — und, noch entscheidender, ihren Rezipient:innen — stehen andere Herausforderungen bevor als die bloße Frage, ob Aufträge oder Reportagen durch KI ersetzt werden. Vielleicht ist das ein Thema für einen späteren Text.
Was mich hier interessiert, ist die Fotografie im Zwischenraum: zwischen Business und Gebrauchskunst. Was ist ihre Daseinsberechtigung, wenn sich scheinbar alles prompten lässt? Warum ist sie weiterhin wesentlich? Wie lässt sich das potenziellen Kund:innen vermitteln — sei es für Fotoshootings oder für den Kauf von Bildbänden? Und vor allem: Wie kann man heute noch ruhigen Gewissens Menschen vor der Kamera ablichten?
Zunächst eine notwendige Klarstellung: Ja, man kann heute im Prinzip alles prompten. Für viele Einsatzzwecke und für einen Großteil der Rezipient:innen ist das Ergebnis mehr als ausreichend. Man sollte sich auch nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, nur weil aktuell noch eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber KI-Bildern zu beobachten ist. Diese Abwehr speist sich vor allem aus der schlichten Tatsache, dass es nach wie vor sehr viele schlechte KI-Bilder gibt. Sie erzeugen oft unbewusst Irritation, die zu einer Abwehrhaltung führt.

Auch Ballerinas lassen sich mit Googles KI problemlos generieren. Aber abgesehen davon, dass es einen emotional kalt lässt, wenn eine Maschine statt eines Menschen tänzerische Höchstleistung verbringt, kommt hier noch das Problem hinzu, dass es die meisten Orte so gar nicht gibt, obgleich sie für das Urban Ballet nicht minder wichtig sind.
Bei wirklich guten KI-Bildern, insbesondere wenn sie fotografisch plausibel und in Photoshop abgerundet wurden, greift diese Abwehr nicht mehr. Sie werden schlicht nicht als KI wahrgenommen. Entscheidend ist jedoch: Gute Ergebnisse entstehen nicht allein durch geschicktes Prompten. Sie erfordern ein fotografisches Grundverständnis, um Bildwirkung, Licht, Perspektive und Stimmigkeit überhaupt beurteilen zu können. Ironischerweise bleibt fotografisches Wissen also Voraussetzung — selbst dort, wo nicht mehr fotografiert wird.
Ich kann heute genauso gut eine neue Kampagne für eine Reederei prompten wie neue Bilder für meine Broken Body Serie. Und nüchtern betrachtet: In dem einen Fall macht es kaum einen Unterschied. Im anderen nur dann, wenn ein solides, nachvollziehbares konzeptionelles Fundament vorhanden ist, das über reine Bildproduktion hinausweist.

So wie ich das obere Motiv mit echten Menschen auf der Stena Line fotografiert habe, wäre das heute auch nicht mehr notwendig. Das Bild unten ist vollständig KI-generiert und könnte vom Prompt und der Bearbeitung noch entsprechend verfeinert werden, damit es stilistisch besser passt.
In dem bereits zitierten Blog-Beitrag habe ich geschrieben, dass die Zeit der Wegwerffotografie im Großen und Ganzen gezählt ist. Betrachtet man für Businesskund:innen die Kosten pro generiertem Bild im Vergleich zu einem fotografisch produzierten Bild, wird schnell klar, warum es zunehmend schwerfällt, an klassischer Fotografie festzuhalten — insbesondere unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. Aus meiner Arbeit in der Werbung kann ich bestätigen: Kostenoptimierung findet auf allen Ebenen statt. Und das bedeutet ganz konkret, dass Shootings und Models besonders unter Druck geraten, weil nun alternative Werkzeuge in passender Qualität verfügbar sind.
Diese Entwicklung ist nicht neu. Sie begann bereits mit CGI-Programmen wie Cinema4D, insbesondere in der Produkt- und Automobilfotografie. KI erweitert diese Möglichkeiten nun radikal. Ob ein Camper tatsächlich am Gardasee stand oder nicht, ist für die Kaufentscheidung der meisten Kund:innen irrelevant.

Oben: Original-Kampagne für die AOK. Ich habe die Menschen allerdings vor neutralem Hintergrund im Studio fotografiert, das Badezimmer-Motiv wurde später eingefügt. Bild darunter: Wenn die AOK sich jetzt ein Update wünschen sollte — warum sollte man noch Models und Fotograf buchen, wenn sich ein quasi identisches Ergebnis in 10 Sekunden kostenlos prompten lässt? Gemini hat sogar den Text mit übernommen. Wirklich authentischer ist das Motiv unten auch nicht.
Relevant bleibt Fotografie dort, wo Authentizität selbst Teil des Markenwerts ist. Ebenso bei kleineren, funktionalen Aufträgen — etwa Mitarbeiterporträts für Unternehmenswebsites —, weil sie wenig Zeit beanspruchen und der Widerstand gegen KI-Substitution unter Mitarbeitern oft größer sein dürfte als der tatsächliche Aufwand eines Shootings.
Dort jedoch, wo es um echte Fotografie geht, wird zunehmend auch ihre Entstehung Teil des Storytellings. In einer Zeit synthetischer Bilder muss Authentizität nicht nur behauptet, sondern beinahe bewiesen werden. Der Produktionsprozess selbst wird zum Argument. Man denke an die Werbekampagne und das Logo von Apple, zu denen es Making Ofs gab (Petapixel-Beiträge zum Logo und zur Werbung), die explizit betonen, dass Objekte, Kulissen oder Effekte real gebaut wurden — als Gegenbild zur digitalen Beliebigkeit.
Auch für Menschen, die sich selbst öffentlich zeigen wollen, bleibt Fotografie relevant. Sportler:innen und Künstler:innen wollen sich in der Ausübung realer Fähigkeiten zeigen, nicht durch Avatare ersetzt werden. Hier geht es um Verkörperung, nicht um Simulation. Dasselbe gilt für Hochzeiten, Schwangerschaften oder andere biografische Schwellenmomente. Die Bedeutung dieser Bilder speist sich aus ihrer faktischen Verankerung in der Realität.

Für Künstler:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen ist es entscheidend, dass man sie als Person sieht und kein generiertes Abbild. Malin Steffen, Schauspielerin, Hamburg 2013
Doch was ist mit all den Momenten dazwischen?
Es entsteht der Eindruck, als gleiche das Archiv fotografischer Erinnerung einer Gauß’schen Glocke — zumindest hinsichtlich Varianz und kultureller Relevanz. Die Anzahl der produzierten Bilder wächst exponentiell, die der erinnerungswürdigen hingegen nicht. Zwischen einer Epoche, in der nur eine privilegierte Oberschicht fotografisch sichtbar war, und unserer Gegenwart des permanenten Schnappschusses, der oft mit dem digitalen Nachlass verschwindet, lag eine Phase fotografischer Hochkultur. Fotografie war erschwinglich geworden, aber noch nicht billig. Jede Auslösung war entscheidend und hatte dadurch Gewicht. Bilder waren materiell, haltbar und auffindbar.
Wie viele Vivian Maiers wird man aus unserer Zeit noch entdecken können? Wie viele Bilder werden bleiben, die unsere Gegenwart mit vergleichbarer visueller Intelligenz festhalten wie die Arbeiten von Saul Leiter? Oder wird unsere Epoche vor allem als ein Rauschen aus Datenfragmenten geschrotteter Festplatten und gesperrter Mobiltelefone überliefert?
Was geschieht, wenn Bilder realer Menschen, die zum Nachdenken anregen, die zum Betrachten und Verstehen auffordern, immer seltener werden? Wenn sich Menschen nicht mehr vor Kameras trauen — aus Angst vor Missbrauch, Kontextverlust oder algorithmischer Weiterverwertung? Die Antwort ist ernüchternd einfach: Dann bleibt von unserer Zeit vor allem ein gefakter Schein. Eine Mischung aus inszenierter Influencer-Welt und generischem KI-Slop, in dem echte Gesichter, Emotionen und Geschichten zur Randnotiz werden.

Gerade in besonderen Lebensabschnitten sind echte Momente in echter Umgebung entscheidend. Anna Katharina, Kiel 2018
Die Sorge ist nachvollziehbar. Auch ich habe meine Mutter davor gewarnt, dass meine Stimme durch öffentlich zugängliche Aufnahmen problemlos imitierbar ist. Missbrauch durch Bilder und Medien existiert seit deren Anbeginn. Die Verschärfung liegt nicht im Prinzip, sondern in der Skalierung: Die Hürden für Manipulation sind gefallen.
Die logische Konsequenz wäre totale Unsichtbarkeit. Kein Bild verlässt die eigene Festplatte. Keine Zeitung, keine Schule, kein Verein, kein Arbeitgeber, kein soziales Medium zeigt ein Abbild mehr. Das reale Leben findet medial nicht mehr statt. Ein Zustand, der in einer vernetzten Gesellschaft kaum praktikabel ist — und der zugleich eine problematische Leerstelle erzeugt.
Gerade hier liegt der entscheidende Punkt. Die fotografische Abbildung ist nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Form der Teilhabe an Geschichte. Bilder sind nicht bloß Repräsentationen; sie sind Zeugnisse. Susan Sontag beschreibt Fotografien als Spuren der Realität, als Indizien dafür, dass etwas — oder jemand — tatsächlich da war (Sontag, On Photography, 1977). Diese Spurhaftigkeit unterscheidet die Fotografie grundlegend von synthetischen Bildern, selbst wenn beide visuell kaum mehr zu unterscheiden sind.

Auch wenn es ein gestelltes Portrait ist, erzählt es doch etwas über das Kind selbst und die echte Umgebung in der es sich befindet. Ida, Hamburg 2025
Roland Barthes spricht in La chambre claire vom Ça-a-été, dem unwiderruflichenEs-ist-so-gewesen, das jedem fotografischen Bild eingeschrieben ist (Barthes, 1980). Dieses Moment ist keine technische Eigenschaft, sondern eine ontologische Setzung: Fotografie behauptet eine Verbindung zur Welt, die nicht vollständig simulierbar ist, solange Bedeutung an Herkunft gebunden bleibt.
Die Grundlage meiner Serien ist, dass es immer echte Menschen mit ihren echten Geschichten oder Vorstellungen sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob wir die Geschichte eines Menschen mit einem Gips erzählen, den sie sich selbst ausgewählt und zu dem wir ein passendes Szenario entworfen haben oder ob irgendwas Beliebiges in den Raum gepromptet wurde, nur um ein gefälliges Bild zu erzeugen.
Genau so wie es sowohl für die Darstellerinnen als auch die Betrachter:innen meiner SHEROES-Serie einen eklatanten Unterschied macht, ob echte Menschen in diesen erdachten, aber tief in den Wünschen der Person verwurzelten, Geschichten zu sehen sind, oder seelenlose Bits und Bytes.

Ein SHEROES-Shooting, was auch für die Darstellerinnen mehr in Erinnerung bleibt, als wenn es blos gepromptet wäre. Mehr zum Making Of dieser und einer weiteren Serie auch in meinem Blog.
Wenn Menschen sich nicht mehr fotografieren lassen, verschwindet diese Verbindung. Nicht sofort, nicht spektakulär, sondern schleichend. Der öffentliche Bildraum leert sich von realen Körpern und füllt sich mit plausiblen, aber letztlich geschichtslosen Simulationen. Vilém Flusser warnte bereits davor, dass technische Bilder ohne kritisches Bewusstsein zu selbstreferenziellen Apparaten werden, die Wirklichkeit nicht mehr abbilden, sondern ersetzen (Für eine Philosophie der Fotografie, 1983).
Sich abbilden zu lassen bedeutet daher nicht naive Preisgabe, sondern bewusste Positionierung. Es ist ein Akt der Sichtbarkeit, der sagt: Ich war hier. Ich habe existiert. Ich habe teilgenommen. In einer Zukunft, in der Bilder zunehmend generiert statt erlebt werden, wird genau diese Geste zur kulturellen Ressource.
Die Zukunft der Fotografie liegt daher weniger in der technischen Perfektion als in ihrer ethischen und historischen Funktion. Sie wird nicht verschwinden, aber sie wird seltener, bewusster und erklärungsbedürftiger werden. Und vielleicht ist genau das ihre Rettung, wenn es genug Menschen gibt, die es genau sehen und mit uns Fotograf:innen diese Gelegenheit ergreifen. Lasst uns gemeinsam Bilder für das Jetzt und die Zukunft gestalten — auf beiden Seiten der Kamera.
Ich würde mich freuen, wenn Du Dich auch trauen würdest, vor meine Kamera zu treten. Ich biete auch immer wieder kostenlose Shootings an. Alle Angebote dieser Art findest Du hier. Rechts über den Button kommst Du auch zu meinen Flyern.

Dieser Text ist auch in der fünften Ausgabe meines Zines „Gedanken zur Fotografie“ erschienen. Du kannst Dir das Zine hier entweder kostenfrei als PDF herunterladen oder es Dir für günstige 4.90 € als gedruckte Version bestellen.



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