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Farbe oder Schwarzweiß — Kleidung oder Seele?

Für diejenigen, die meine Arbeiten schon länger begleiten, ist es vermutlich kein Geheimnis: Ich hadere ein Stück weit mit Farbe.

Immer wieder werde ich gefragt, warum so viele meiner Bilder schwarzweiß sind. Und fast reflexhaft führe ich dann Ted Grant ins Feld, der den berühmten Satz geprägt hat:

„When you photograph people in color, you photograph their clothes. But when you photograph people in black and white, you photograph their souls.“

Natürlich haben wir es hier — wie so oft bei schmissigen Zitaten — mit einer Zuspitzung zu tun. Der Kern stimmt, aber er ist zugleich übertrieben und verkürzt. Denn Farbe ist nicht bloß Oberfläche, so wie Schwarzweiß nicht automatisch Tiefe garantiert. Und dennoch berührt Grants Satz einen wahren Punkt: Die Wahl zwischen Farbe und Monochrom ist niemals neutral. Sie ist eine Entscheidung darüber, worauf ein Portrait zielt.

Eine der Eigenarten der Fotografie besteht darin, dass sie die Welt aus der Zeit herauslöst. Ein Bild ist statisch, abgetrennt von allem, was eine reale Begegnung sonst begleitet. Geräusche, Gerüche, die kleinsten Bewegungen einer Person, die Atmosphäre eines Moments — all das existiert im Foto nicht mehr. Es bleibt nur das Visuelle.

Paradoxerweise führt diese Reduktion nicht automatisch zu mehr Konzentration, sondern zunächst zu einem Gegenteil: Gerade weil nur noch das Sichtbare übrig bleibt, kämpft im Bild alles gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Das Foto ist eine Fläche, auf der jedes Element zur gleichen Zeit präsent ist. Deshalb sprechen die Lehrbücher so insistierend von Blickführung: von Linien, Rahmungen, Kontrasten – und auch von der Steuerung durch die Blendenöffnung, die Unschärfe als Mittel der Gewichtung einsetzt.

Eine andere Möglichkeit dieser Aufmerksamkeitslenkung ist eine weitere, sehr radikale Form der Reizreduktion: der Verzicht auf Farbe.

Denn Ted Grant hat insofern recht, als Farbe ablenken kann. Kleidung, Hintergründe, zufällige Farbflecken konkurrieren mit dem Gesicht, mit dem Ausdruck, mit dem, was wir im Portrait eigentlich suchen. Farbe ist ein zusätzliches Bedeutungssystem, das sofort gelesen wird — manchmal schneller als die Person selbst. In diesem Sinn kann Farbe die Wahrnehmung zerstreuen, während Schwarzweiß sie bündelt.

Auf der anderen Seite nehmen wir einem Bild damit auch etwas von seiner Selbstverständlichkeit. Wir sehen unsere Welt in Farbe. Schwarzweiß entspricht nicht unserer alltäglichen Wahrnehmung; es ist immer schon eine Setzung, eine Abstraktion, eine bewusste Entfernung vom Gewöhnlichen. Das kann Bilder künstlerischer und ikonischer wirken lassen – aber es kann uns auch entkoppeln, weil das Foto nicht mehr als unmittelbare Welt erscheint, sondern als Interpretation.

Farbe ist allerdings riskanter. Wer Farbe einsetzt, muss sie beherrschen. Die Palette eines Bildes ist keine Nebensache: Ein falscher Ton, ein knalliges Detail im Hintergrund, eine unruhige Kombination von Kleidung und Umgebung kann die gesamte visuelle Hierarchie verschieben. Farbe verlangt Regie. Sie ist anspruchsvoll, weil sie sofort Aufmerksamkeit bindet.

Schwarzweiß ist in dieser Hinsicht robuster. Störende Farben können in einem monochromen Bild nichts anrichten. Nicht, weil Schwarzweiß einfacher wäre, sondern weil es das Feld der Ablenkungen reduziert. Es zwingt das Bild zurück auf Tonwerte, Licht, Form und Ausdruck.

Im Folgenden möchte ich sieben Bildpaare vorstellen — jeweils in Farbe und Schwarzweiß — und dabei weniger eine Entscheidung erzwingen als eine Frage offenhalten:

Was geschieht mit einem Portrait, wenn man ihm die Farbe nimmt? Und was geschieht, wenn man sie bewusst zurückgibt?

Denn vielleicht liegt der eigentliche Reiz nicht darin, dass eine Version „richtiger“ wäre als die andere. Vielleicht zeigt sich gerade im Vergleich, dass Farbe und Schwarzweiß unterschiedliche Arten sind, einer Person zu begegnen: einmal über die Welt, die sie umgibt, einmal über den Zustand, den sie ausstrahlt.

Allen Bildern ist gemein, dass die Farbpalette bereits kontrolliert ist. Es geht nicht um zufällige Fehlfarben oder modische Störungen, sondern um die Farbwirkung selbst – um die Frage, ob Farbe hier Kontext stiftet oder ablenkt, ob sie Nähe erzeugt oder Distanz, ob sie Atmosphäre trägt oder den Blick zerstreut.

Die Bildpaare sollen daher nicht als technische Demonstration verstanden werden, sondern als kleine Versuche: als Momentaufnahmen einer alten fotografischen Spannung zwischen Präsenz und Abstraktion, zwischen Biografie und Ikone, zwischen dem Menschen im Jetzt und dem Menschen als Essenz.

Und weil diese Spannung nicht nur die Fotografie, sondern auch das Kino durchzieht, möchte ich am Ende noch einige Filme in Erinnerung rufen, in denen die Entscheidung für Schwarzweiß oder eine hochbewusste Farbdramaturgie nicht bloß Stil ist, sondern integraler Bestandteil dessen, was erzählt werden kann.

Bildpaar 1

Ida, Hamburg 2025

Fujifilm GFX100S, Tokina Opera 50/1.4, f2.2, 1/250, ISO 125

Im ersten Bildpaar sitzt ein Mädchen inmitten einer strengen, modernen Architektur. Die Linien der Gebäude ziehen in die Tiefe, der Raum wirkt fast wie eine Bühne aus Beton und Geometrie. In der Schwarzweiß-Version wird diese Strenge noch verstärkt: Die Person erscheint beinahe als skulpturale Figur, eingebunden in ein Muster aus Hell und Dunkel. Der Blick des Betrachters folgt weniger der Individualität als der Komposition. Farbe hingegen bringt etwas zurück, das im Monochromen leicht verloren geht: Wärme, Körperlichkeit, Gegenwart. Haut und Haar heben die Person subtil aus der architektonischen Kühle heraus. Das Portrait wird weniger Studie über Raum, mehr Begegnung mit einem Menschen im Jetzt. Schon hier zeigt sich die Grundspannung: Schwarzweiß abstrahiert, Farbe individualisiert.

Bildpaar 2

Jule & Nella, Kiel 2023

Fujifilm X-T5, XF90/2, f4, 1/250, ISO 125

Das zweite Bildpaar ist härter, sozialer, beinahe dokumentarisch. Zwei Mädchen stehen mit Krücken und Gipsverbänden vor einer verwitterten Wand. In Farbe wirken die Gipse wie biografische Marker: Pink und Blau sind keine Dekoration, sondern Zeichen von Jugend und Verletzung zugleich. Die Realität des Moments tritt unmittelbar hervor. Schwarzweiß dagegen entzieht dieser Konkretheit einen Teil ihres Alltagscharakters und verwandelt die Szene in etwas Allgemeineres. Die Mädchen werden weniger zu „zwei Verletzten im Hier und Jetzt“ als zu Figuren eines Zustands: Müdigkeit, Ernst, Härte. Hier zeigt sich, wie Schwarzweiß Verdichtung erzeugt, während Farbe das Ereignis verankert. Farbe erzählt Geschichte, Schwarzweiß erzählt Bedeutung.

Bildpaar 3

Jule & Nella, Kiel 2024

Fujifilm X-T5, XF90/2, f2, 1/500, ISO 125

Im dritten Bildpaar kippt die Stimmung. Zwei Mädchen sitzen eng beieinander, lachen, lehnen sich aneinander – ein Moment von Nähe und Wärme trotz sichtbarer Verletzung. In der Farbversion entsteht eine Atmosphäre von Sommer und Alltag: Hauttöne, Ziegelwand, die kleine Blume auf dem Tisch – alles trägt zur Lebendigkeit der Szene bei. Die Verletzung wird Teil des Lebens, nicht dessen Zentrum. Schwarzweiß hingegen macht das Bild stiller und ernster. Die Freude bleibt, aber sie wird gedämpft, fast melancholisch. Gerade hier wird deutlich, dass Schwarzweiß nicht automatisch „tiefer“ ist: Es kann auch Emotion kontrollieren, während Farbe sie öffnet. Farbe wird hier zum Träger von Zärtlichkeit und Gegenwart.

Bildpaar 4

Franka, Kiel 2011

Canon EOS 500D, EF50/1.8, f2.8, 1/160, ISO 400

Das vierte Bildpaar zeigt ein Mädchen allein im Café, frontal, den Kopf in die Hände gestützt. In Farbe entsteht sofort ein filmischer Raum: das Rot der Lampen, das Blau der Kleidung, das warme Holz des Tisches. Die Person ist eingebettet in eine Szene, die von Warten, Müdigkeit oder stiller Langeweile erzählt. Schwarzweiß dagegen nimmt diese Atmosphäre zurück und konzentriert alles auf Blick und Haltung. Der Ausdruck wird härter, direkter, fast konfrontativ. Das Portrait löst sich aus der Situation und wird zu einem psychologischen Statement. Hier funktioniert Schwarzweiß wie eine optische Zuspitzung: weniger Welt, mehr Präsenz. Farbe schafft Kontext, Schwarzweiß schafft Intensität.

Bildpaar 5

Nella, Westensee 2024

Fujifilm X-T5, XF56/1.2, f1.2, 1/125, ISO 250

Im fünften Bildpaar steht ein Mädchen im Wald, im weißen Kleid, an einer moosigen Steinmauer. Der blaue Gips wirkt in der Farbversion wie ein Fremdkörper, ein kaltes Zeichen im organischen Grün. Farbe macht die Verletzung sichtbar als Realität, als biografisches Detail im Körper. Gleichzeitig entsteht eine märchenhafte Spannung zwischen Natur und Medizin, Unschuld und Bruch. In Schwarzweiß verliert der Gips seinen besonderen Ton, und die Szene wird archetypischer. Übrig bleibt nicht das Ereignis, sondern ein Zustand von Verletzlichkeit. Das Bild wirkt zeitlos, symbolisch, fast wie eine Erzählung jenseits des Moments. Farbe bindet an Geschichte, Schwarzweiß hebt ins Mythische.

Bildpaar 6

Kim Margarete, Kiel 2017

Nikon D800, Nikkor 50/1.4, f1.8, 1/80, ISO 400

Das sechste Bildpaar bringt eine neue Dimension: Charisma und Inszenierung. Eine junge Frau sitzt an einer Schreibmaschine, lächelt direkt, das Setting ist nostalgisch. In Farbe dominiert Aura: Lippenstift, warme Hauttöne, die Patina der Umgebung – das Portrait erzählt von Stil und Erscheinung. Farbe macht hier Oberfläche nicht banal, sondern bedeutungsvoll: Selbstinszenierung als Teil der Person. Schwarzweiß hingegen reduziert diese Glamour-Schicht und führt stärker zum Ausdruck zurück. Das Lächeln wirkt weniger modisch, mehr menschlich. Gerade hier bestätigt sich Ted Grants Zuspitzung besonders deutlich: Farbe betont das Sichtbare, Schwarzweiß verdichtet das Wesentliche.

Bildpaar 7

Lisa-Marie, Kiel 2022

Fujifilm GFX50R, , Kiev Vega 28b 120/2.8, f2.8, 1/125, ISO 125

Das letzte Bildpaar ist ein stilles Kopfportrait, reduziert, kontemplativ. Die rote Bluse in der Farbversion ist kein Zufall, sondern ein Charakterträger: Sie gibt dem Bild Wärme und emotionale Temperatur. Farbe wird hier nicht Ablenkung, sondern Identität. Schwarzweiß hingegen verwandelt das Portrait in eine ruhigere, ikonischere Form. Muster und Stoff werden Tonwert, der Blick tritt stärker hervor, das Bild wirkt zeitloser und innerlicher. Beide Versionen liegen nahe beieinander, doch sie verschieben die Wahrnehmung: Farbe zeigt die Person im Leben, Schwarzweiß zeigt sie im Gedanken. So endet die Serie nicht mit einer Entscheidung, sondern mit der Erkenntnis zweier Modi der Begegnung.

Dieser Text ist auch in der sechsten Ausgabe meines Zines „Gedanken zur Fotografie“ erschienen. Du kannst Dir das Zine hier entweder kostenfrei als PDF herunterladen oder es Dir für günstige 4.90 € als gedruckte Version bestellen.

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