Bildpaar 1
Ida, Hamburg 2025
Fujifilm GFX100S, Tokina Opera 50/1.4, f2.2, 1/250, ISO 125
Im ersten Bildpaar sitzt ein Mädchen inmitten einer strengen, modernen Architektur. Die Linien der Gebäude ziehen in die Tiefe, der Raum wirkt fast wie eine Bühne aus Beton und Geometrie. In der Schwarzweiß-Version wird diese Strenge noch verstärkt: Die Person erscheint beinahe als skulpturale Figur, eingebunden in ein Muster aus Hell und Dunkel. Der Blick des Betrachters folgt weniger der Individualität als der Komposition. Farbe hingegen bringt etwas zurück, das im Monochromen leicht verloren geht: Wärme, Körperlichkeit, Gegenwart. Haut und Haar heben die Person subtil aus der architektonischen Kühle heraus. Das Portrait wird weniger Studie über Raum, mehr Begegnung mit einem Menschen im Jetzt. Schon hier zeigt sich die Grundspannung: Schwarzweiß abstrahiert, Farbe individualisiert.
Bildpaar 2
Jule & Nella, Kiel 2023
Fujifilm X-T5, XF90/2, f4, 1/250, ISO 125
Das zweite Bildpaar ist härter, sozialer, beinahe dokumentarisch. Zwei Mädchen stehen mit Krücken und Gipsverbänden vor einer verwitterten Wand. In Farbe wirken die Gipse wie biografische Marker: Pink und Blau sind keine Dekoration, sondern Zeichen von Jugend und Verletzung zugleich. Die Realität des Moments tritt unmittelbar hervor. Schwarzweiß dagegen entzieht dieser Konkretheit einen Teil ihres Alltagscharakters und verwandelt die Szene in etwas Allgemeineres. Die Mädchen werden weniger zu „zwei Verletzten im Hier und Jetzt“ als zu Figuren eines Zustands: Müdigkeit, Ernst, Härte. Hier zeigt sich, wie Schwarzweiß Verdichtung erzeugt, während Farbe das Ereignis verankert. Farbe erzählt Geschichte, Schwarzweiß erzählt Bedeutung.
Bildpaar 3
Jule & Nella, Kiel 2024
Fujifilm X-T5, XF90/2, f2, 1/500, ISO 125
Im dritten Bildpaar kippt die Stimmung. Zwei Mädchen sitzen eng beieinander, lachen, lehnen sich aneinander – ein Moment von Nähe und Wärme trotz sichtbarer Verletzung. In der Farbversion entsteht eine Atmosphäre von Sommer und Alltag: Hauttöne, Ziegelwand, die kleine Blume auf dem Tisch – alles trägt zur Lebendigkeit der Szene bei. Die Verletzung wird Teil des Lebens, nicht dessen Zentrum. Schwarzweiß hingegen macht das Bild stiller und ernster. Die Freude bleibt, aber sie wird gedämpft, fast melancholisch. Gerade hier wird deutlich, dass Schwarzweiß nicht automatisch „tiefer“ ist: Es kann auch Emotion kontrollieren, während Farbe sie öffnet. Farbe wird hier zum Träger von Zärtlichkeit und Gegenwart.
Bildpaar 4
Franka, Kiel 2011
Canon EOS 500D, EF50/1.8, f2.8, 1/160, ISO 400
Das vierte Bildpaar zeigt ein Mädchen allein im Café, frontal, den Kopf in die Hände gestützt. In Farbe entsteht sofort ein filmischer Raum: das Rot der Lampen, das Blau der Kleidung, das warme Holz des Tisches. Die Person ist eingebettet in eine Szene, die von Warten, Müdigkeit oder stiller Langeweile erzählt. Schwarzweiß dagegen nimmt diese Atmosphäre zurück und konzentriert alles auf Blick und Haltung. Der Ausdruck wird härter, direkter, fast konfrontativ. Das Portrait löst sich aus der Situation und wird zu einem psychologischen Statement. Hier funktioniert Schwarzweiß wie eine optische Zuspitzung: weniger Welt, mehr Präsenz. Farbe schafft Kontext, Schwarzweiß schafft Intensität.
Bildpaar 5
Nella, Westensee 2024
Fujifilm X-T5, XF56/1.2, f1.2, 1/125, ISO 250
Im fünften Bildpaar steht ein Mädchen im Wald, im weißen Kleid, an einer moosigen Steinmauer. Der blaue Gips wirkt in der Farbversion wie ein Fremdkörper, ein kaltes Zeichen im organischen Grün. Farbe macht die Verletzung sichtbar als Realität, als biografisches Detail im Körper. Gleichzeitig entsteht eine märchenhafte Spannung zwischen Natur und Medizin, Unschuld und Bruch. In Schwarzweiß verliert der Gips seinen besonderen Ton, und die Szene wird archetypischer. Übrig bleibt nicht das Ereignis, sondern ein Zustand von Verletzlichkeit. Das Bild wirkt zeitlos, symbolisch, fast wie eine Erzählung jenseits des Moments. Farbe bindet an Geschichte, Schwarzweiß hebt ins Mythische.
Bildpaar 6
Kim Margarete, Kiel 2017
Nikon D800, Nikkor 50/1.4, f1.8, 1/80, ISO 400
Das sechste Bildpaar bringt eine neue Dimension: Charisma und Inszenierung. Eine junge Frau sitzt an einer Schreibmaschine, lächelt direkt, das Setting ist nostalgisch. In Farbe dominiert Aura: Lippenstift, warme Hauttöne, die Patina der Umgebung – das Portrait erzählt von Stil und Erscheinung. Farbe macht hier Oberfläche nicht banal, sondern bedeutungsvoll: Selbstinszenierung als Teil der Person. Schwarzweiß hingegen reduziert diese Glamour-Schicht und führt stärker zum Ausdruck zurück. Das Lächeln wirkt weniger modisch, mehr menschlich. Gerade hier bestätigt sich Ted Grants Zuspitzung besonders deutlich: Farbe betont das Sichtbare, Schwarzweiß verdichtet das Wesentliche.
Bildpaar 7
Lisa-Marie, Kiel 2022
Fujifilm GFX50R, , Kiev Vega 28b 120/2.8, f2.8, 1/125, ISO 125
Das letzte Bildpaar ist ein stilles Kopfportrait, reduziert, kontemplativ. Die rote Bluse in der Farbversion ist kein Zufall, sondern ein Charakterträger: Sie gibt dem Bild Wärme und emotionale Temperatur. Farbe wird hier nicht Ablenkung, sondern Identität. Schwarzweiß hingegen verwandelt das Portrait in eine ruhigere, ikonischere Form. Muster und Stoff werden Tonwert, der Blick tritt stärker hervor, das Bild wirkt zeitloser und innerlicher. Beide Versionen liegen nahe beieinander, doch sie verschieben die Wahrnehmung: Farbe zeigt die Person im Leben, Schwarzweiß zeigt sie im Gedanken. So endet die Serie nicht mit einer Entscheidung, sondern mit der Erkenntnis zweier Modi der Begegnung.
Dieser Text ist auch in der sechsten Ausgabe meines Zines „Gedanken zur Fotografie“ erschienen. Du kannst Dir das Zine hier entweder kostenfrei als PDF herunterladen oder es Dir für günstige 4.90 € als gedruckte Version bestellen.


















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