Lieblingsbildbände

Auch in unserem Podcast weisen wir immer wieder darauf hin: Bilder wollen gedruckt sein — zum Beispiel in Fotobildbänden, aus denen man teilweise mehr lernen kann als aus manchen Lehrbüchern. Wer die Gespräche von Anne und mir zu den hier aufgelisteten Fotobüchern inklusive ihrer 5er Auswahl hören möchte, kann das in Folge 11 unseres Podcasts tun.

Wer lieber über die Bücher was lesen möchte, kann hier meine Auswahl entdecken. Ein Klick auf die Titel oder den jeweiligen Link am Ende führt zu Amazon. Wenn Du dort bestellst, entstehen Dir keine Mehrkosten, aber wir bekommen einen kleinen Werbeobulus von Amazon.

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Philippe Halsman – Astonish Me!

Bei Philippe Halsman hat man das Gefühl, dass er einer der vergessenen Großen ist. Während die meisten mit Avedon, Penn und Watson noch was anfangen können, erntet man bei der Erwähnung von Halsman fragende Blicke. Dabei war er einer der kreativsten und vielseitigsten Fotografen der damaligen Zeit und hat viele inzwischen berühmte Bilder geschaffen. Das berühmteste Foto von Albert Einstein mit der herausgestreckten Zunge? Von Halsman. Auch selten werden Fotografie und Kunst so gut zusammengepasst haben wie bei Halsmans Portraits von Salvador Dalí, die 37 Jahre zusammenarbeiteten und gute Freunde wurden.

Halsman hatte ein bewegtes Leben. 1906 in Riga geboren studierte Halsman zunächst Elektrotechnik in Dresden, während er nebenbei für den Ullstein Verlag als Fotograf arbeitete. Nach einigen Irrungen und Wirrungen und der Verwicklung in einem Kriminalfall — er soll seinen Vater bei einem Wanderausflug in den Alpen getötet haben, wobei es nur Indizien dafür gab und er mit Albert Einstein, Thomas Mann, Erich Fromm und Sigmund Freud eine Reihe berühmtester Fürsprecher hatte — gründete er 1931 ein Fotostudio in Paris und machte sein Hobby endgültig zum Beruf. Als Frankreich besetzt wurde, versuchte er vergebens in die USA auszureisen. Erst Einsteins Fürsprache bei Eleanor Roosevelt sicherte ihm ein Visum.

In Amerika ging seine Karriere sofort durch die Decke. Schon im Jahr nach seiner Einreise wurde er fester Fotograf beim Life-Magazine und schoss unzählige Bildstrecken und über 100 Cover — mehr als jeder andere Fotograf jemals beim Life-Magazine erreichte. Es gibt kaum Berühmtheiten, die nicht vor seiner Kamera standen — Dalí, Picasso, Einstein, Hitchcock, Monroe, Garland, Churchill, Kennedy, Nixon — die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Das lag natürlich nicht nur an seiner hervorragenden handwerklichen Qualität, sondern auch an seinem Ideenreichtum. Neben den surrealen Bildwelten für Dalí seien hier vor allem seine Jump-Bilder genannt, wo er die berühmtesten Menschen vor seiner Kamera einfach in die Luft springen ließ. Und so gut wie jeder, den er fragte, sprang: Grace Kelly, der Herzog und die Herzogin von Windsor, Richard Nixon, Aldous Huxley, Marc Chagall, Walter Gropius, Harold Lloyd, Jacques Tati, Brigitte Bardot, Marilyn Monroe und viele mehr. Warum er die Leute zum springen brachte? Er wollte hinter die Maske schauen: „When you ask a person to jump, his attention is mostly directed towards the act of jumping and the mask falls so that the real person appears.“ — „Jumpology“ nannte er den Ansatz und spätestens wenn man sich den Sprung von Oppenheimer anschaut (Seite 198 in dem hier besprochenen Buch „Astonish Me!“), weiß man, dass er damit recht hatte. Aber sein „Jump Book“ werde ich vielleicht später noch mal separat vorstellen. Hier geht es um „Astonish Me!“.

Ich habe das Buch als erstes ausgewählt, da es eine gute Übersicht über Halsmans Gesamtwerk gibt. Es ist ein Katalogband zur gleichnamigen Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lousanne, dass ihm 25 Jahre nach seinem Tod eine große Retrospektive widmete. Das Buch hätte vom Format her gerne größer sein können. Knapp kleiner als A4 kann man es wahrlich nicht als Prachtband bezeichnen, aber die über 300 Seiten sind hervorragend gedruckt und gebunden, so dass es nur ein kleiner Wermutstropfen ist.
Das Buch gliedert sich in vier große Kapitel: seine Pariser Zeit, seine Portaits mit extra Fokus auf seine Monroe-Bilder, seiner mises en scène mit einem weiteren Schwerpunkt auf die eingangs erwähnten Jumplogy-Bilder und die Zusammenarbeit zwischen ihm und Dalí. Besonders hervorzuheben ist, dass das Buch nicht nur fertige Werke sondern teilweise Voraufnahmen der Einzelstücke seiner aufwendigen Collagen, Testaufnahmen und Outtakes zeigt. Da wird gerade der digitalen Generation noch mal deutlich, was kreative Aufnahmen in der Zeit vor Photoshop bedeuteten.

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Gregory Crewdson – Cathedral of the Pines

Ich habe Gregory Crewdson erst relativ spät zu schätzen gelernt. Zuerst kam ich mit seinen Werken in der Fotoschule in Kontakt und lehnte sie fast sofort ab — zu knallig die Farben, zu künstlich die Lichtsetzung, die mehr an aufgeblähte Hollywood-Blockbuster erinnerten. Und so ganz falsch ist es auch nicht. Noch immer fremdel ich damit, Crewdson wirklich als einen Fotografen zu bezeichnen. Er bedient nie selbst die Kamera sondern lässt immer alles machen. Er passt viel besser zum filmischen Bild eines Autors und Regisseurs. Da es so ein Equivalent in dem Sinne bei der Fotografie nicht gibt, muss man ihn notgedrungen allerdings doch „Fotograf“ nennen. Seine Herangehensweise, sein Setdesign, seine Lichtsetzung — all das ist auf jeden Fall sehr filmisch — nur dass er sich in Standbildern ausdrückt, die aber in Ruhe studiert werden wollen. Und genau das ist der Pferdefuß, wenn man seine Bilder im Netz oder auch im gedruckten Buch anschaut: Die Wiedergabegröße ist viel zu klein. Seine Bilder wollen im riesigen Maßstab betrachtet werden. Man muss sich in ihren verlieren können, um alle narrativen Details wirklich schätzen zu können — ganz besonders in seiner „Cathedral of the Pines“ Serie, die von der Lichtsetzung wesentlich realistischer geworden ist als seine früheren Werke. Mit dieser Serie habe ich auch meinen Einstieg in Crewdsons Welt geschafft. Ich hatte die Bilder in einer Londoner Galerie in Originalgröße sehen können und war von der narrativen und visuellen Detailverliebtheit begeistert. Ich glaube, dass der Betrachter, der nur das Buch sieht, auf jeden Fall zufriedener mit dem gedruckten Werk sein wird, als ich, der die Originalbilder gesehen hat. Von 147x114cm sind sie für das Buch auf zwar noch immer beachtliche 36x27cm geschrumpft, aber man kann sich vorstellen, was dabei verloren geht. Trotz allem möchte ich es empfehlen, weil seine Geschichtenerzählung auf jeden Fall faszinierend bleibt. Crewdson kann sicherlich selbst am besten sagen, worum es mit der Serie geht, wie in diesem Interview mit dem Spiegel: „Cathedral of the Pines beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur und seiner Suche nach einem Zuhause, sowohl im Haus als auch draußen. Ich frage auch nach dem psychologischen Unterschied zwischen drinnen und draußen. Für mich war das ein sehr nostalgisches Thema, deshalb habe ich die Cathedral in Becket aufgenommen. Ich habe in diesem Ort viel Zeit verbracht, schon als kleiner Junge, weil meine Familie dort ein Ferienhaus besaß. Nach meiner Zeit in New York bin ich wieder in diese Gegend zurückgekehrt.“

Es gibt in seinen Bildern keine Erklärungen für die Stimmungen und Szenerien, die er kreiert. Man bekommt ein wenig das Gefühl, in eine leicht düster-makaberen Parallelwelt einzutauchen, die Fragen aufwirft und gleichzeitig ungemein fasziniert und fesselt. Zeitlich wirkt alles antiquiert. Veraltete Autos, unmoderme Vertäfelungen. Aber man weiß nicht, ob man eine Reise in die Vergangenheit macht oder es Leute aus dem Hier und Jetzt sind, die in ihrer Vergangenheit festhängen. Vielleicht ist sich auch Crewdson selbst nicht ganz schlüssig, war sein Wegziehen aus dem quirligen New York ins ländliche Nichts von Becket, Massachusetts, auch ein Bruch mit dem bisherigen Leben nach der Scheidung von seiner Frau. Nicht von ungefähr stammt der Tiel der Serie vom Namen eines Wanderweges, den Crewdson auf seinen zahlreichen Touren erwandert hat.

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Jim Rakete – 1/8 sec.

Wenn man authentische schwarz-weiß Fotografie liebt, dann kommt man in Deutschland nicht an Jim Rakete vorbei. Insbesondere auch dann wenn es um Fotos von der musikalischen und darstellerischen Szene geht — Rakete war der Promifotograf in Berlin schlechthin. Schon mit 17 fotografierte er für Zeitungen und Agenturen Größen wie Jimi Hendrix, Ray Charles, Mick Jagger und David Bowie. Er wurde mit seiner eigenen Fotoagentur „Fabrik“ nicht nur der Haus- und Hoffotograf der Neuen Deutschen Welle, sondern von vielen auch noch der Manager, allen voran Nina Hagen, Nena und Die Ärzte. Aber natürlich hat er auch etliche Schauspieler abgelichtet.

Und er ist ein fast hoffnungsloser Analogfanatiker, was ich natürlich sehr schätze. In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitungs zur Kodak-Pleite benannte Rakete eines der großen Probleme der digitalen Ära: „Die Bilder kleben in keinem Familienalbum mehr, sie schmücken keine Wände. Einmal auf den Bildschirm gerufen, versinken sie auf Festplatten, werden zu Nebenprodukten der digitalen Geschwätzigkeit, zum Ausdruck von Bequemlichkeit.“

Sein Projekt 1/8 sec. ist eine Reaktion auf diese Entwicklung, wie Rakete selbst auf der Linhof-Seite erzählte: „Der Besitz immer größerer Mengen von Bildern, die Bedeutung der Rechner selbst, die zum Mittelpunkt unseres gesamten Informations- und Kommunikationsverhaltens geworden war, auf dem nun auch noch alle Bilder gesammelt und geteilt werden sollten, übten einen unwiderstehlichen Sog auf die gesamte Bilderwelt aus. Es kam: die Bilderflut. Eigentlich das Gegenteil von Fotografie.“ Er fotografierte nun Personen des öffentlichen Lebens von Schauspielern über Politiker hin zum Künstler und Sportler maximal entschleunigt — so wie es einem eine alte Plattenkamera mit einer Belichtungszeit von 1/8 Sekunde aufzwingt. Rakete schreibt weiter dazu: „Am Ende aber zählt die Begegnung zweier Persönlichkeiten. Der des Porträtierten gegen die der beeindruckenden Kamera. Alles anderen versinkt in den weichen Konturen der Unschärfe. Was hervortritt, ist eine Konzentration. Denn auch der Porträtierte muss sich einlassen auf den Stillstand des Augenblicks. Es ist ein konzentrierter Blick – auf einen konzentrierten Blick. Im klassischen Schwarzweiss entsteht ein Moment von Zeitlosigkeit; das Auge findet kaum Referenzen dafür, wann das Bild gemacht wurde.“ Und das alles unretuschiert in großformatigen Bildern — herrlicher kann es kaum sein.

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Victorian Giants

Irgendwie war es klar, dass sich ein Buch mit Kollodium Nassplatten hier wiederfinden würde, oder? Interessanterweise ist es für mich das fantastischste Buch auf dem Gebiet, was aber kaum meiner Nassplattenkollegen kannten. „Victorian Giants“ ist das Buch zur Ausstellung der National Portrait Gallery in London, die 2018 die Pioniere der künstlerischen Fotografie in Großbritannien würdigte: Oscar Rejlander (1813–75), Julia Margaret Cameron (1815–79), Clementina Hawarden (1822–65) und Lewis Carroll (1832–98). Ja, der „Alice im Wunderland“-Carrroll. Und „seine“ Alice findet sich in vielen Abbildungen dieses Buches auch wieder.

Es war selbst für heutige Verhältnisse eine ungewöhnliche Bande, die sowohl Rivalen als auch Freunde waren. Ein schwedischer Einwanderer mit nebulöser Vergangenheit, eine in Kalkutta geborene Britin schon mittleren Alters, eine schottische Adelige und ein Akademiker aus Oxford. Und auch wenn sich das wie ein elaborierter Aufbau für eine Witzvorlage anhört, handelt es sich bei diesen vier Fotografen um die besten und kreativsten des damaligen Königreiches. Wir reden von den 1860er Jahren — die Fotografie an sich war gerade mal 25 Jahre alt und wie herausfordernd Nassplatten sind, haben wir in Folge 9 unseres Podcasts und ich in diesem Blogartikel schon einmal dargestellt. Um so erstaunter bin ich über die Kleinkind-Fotos von Rejlander – wie er es geschafft hat, dass sie entsprechend lang genug stillgehalten haben. Oder wie er aus unzähligen Einzelaufnahmen das Bild „Two Ways of Life“ 1857 geschaffen hat, was deutlich Thomas Coutures Gemälde „Romans During the Decadence“ von zehn Jahren zuvor aufgriff. Alle stritten sich leidenschaftlich dafür, dass Fotografie als eine Kunstform zu gelten hatte und vielleicht wollte gerade Rejlander es durch seine oftmals eher klassischen, an Gemälde orientierten Ansätze deutlich machen. Auch Julia Cameron mochte die klassischen Vorbilder wie Rembrand oder Guido Reni, einem Maler des 17. Jahrhunderts. Deutlich freier von malerischen Inspirationen arbeiteten Hawarden und Carroll.

Das fantastische an diesem Band ist nicht nur, dass man zahlreiche Meisterwerke dieser Fotografen in sehr guter Reproduktion sieht und es durch hochinteressante Texte begleitet wird, es werden teilweise auch die Originalnegative gezeigt (die meisten Bilder, die man aus der Zeit sonst zu sehen bekommt, sind Albuminabzüge), bei denen mal als kämpfender moderner Nassplattenfotograf sieht, dass auch die großen Helden der Originalära mit Problemen und Artefakten zu kämpfen hatten. Darüber hinaus ist spannend zu sehen, dass die Fotografen teilweise die gleiche Person vor der Linse hatten und man ihre individuellen Ansätze dabei miteinander vergleichen kann.

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Jenny Lewis – Hackney Studios

Als London Fan war ich froh irgendwann über den Verlag Hoxton Mini Press gestolpert zu sein, der spannende Bildbände über das London von heute und gestern herausbringt. Eines dieser Bücher ist „Hackney Studios“ von Jenny Lewis, die über drei Jahre Künstler in ihren Ateliers im Ostlondoner Stadtteil Hackney portraitiert hat. Viele Künstler mussten inzwischen ihre Ateliers im Zuge der Gentrifizierung räumen, so dass es inzwischen fast zu einem Dokument vergangener Zeit geworden ist. Aber weder das noch der London-Aspekt führten in erster Linie dazu, dass sich dieses Buch auf der Liste wiederfindet.

Als bekennender schwarz-weiß Fan, der in Bildern eher die visuelle Reduktion (unscharfe, nicht überladene Hintergründe) schätzt, bin fasziniert davon, wie gut die Bilder in Farbe und mit mehr Tiefenschärfe funktionieren und eben auch genau so sein müssen, das es um die Kombination von Künstler und ihrer/seiner Umgebung geht.
Jenny Lewis ist in erster Linie Portrait- und Editorialfotografin, hat aber auch zwei große Serien verfolgt, die sie inzwischen bei Hoxton Mini Press veröffentlicht hat. Zum einen das ebenfalls sehr interessante Buch „One Day Young“, wo sie Mütter mit ihrem nur einem Tag alten Baby zu Hause portraitiert hat, zum anderen eben das Buch über die Ateliers in Hackney, wo sie auch seit vielen Jahren zu Hause ist. Damals noch kultureller Hotspot durch die günstigen Mieten fühlte sie sich perfekt aufgehoben. Ursprünglich ging es nur um ein Portrait der Modemacherin Isobel Webster, aber es hat sich von dort sofort zu einem eigenständigen Projekt entwickelt. Jede/r Künstler/in empfahl eine weitere Person und durch diese persönlichen Empfehlungen gab es gleich einen Vertrauensvorschuss, der persönliche Portraits einfacher machte.

Auch bei diesem Buch gibt es einen kleinen Wermutstropfen: Auch wenn die Bilder für sich alleine sehr gut funktionieren, wäre es noch schöner gewesen, wenn man ein wenig mehr über die abgebildeten Personen erfahren hätte. Dann wäre es eine wirkliche Vorstellung der damaligen Szene gewesen statt nur einer Bildersammlung.

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2 Kommentare
    • Erik Schlicksbier sagte:

      Hab gesehen, dass sich das inzwischen auch in den Preisen ausdrückt – wahnsinn. Wer 1/8s mal zu einem annehmbaren Preis finden sollte, sollte unbedingt zugreifen. Es scheint zu einer Rarität zu werden …

      Antworten

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