Die Illusion der Authentizität — wie das Smartphone die Fotografie beeinflusst
Viele technische Neuerungen haben im künstlerischen Kontext stets zu einer gewissen Form der Demokratisierung geführt. Das begann bereits mit dem von Eastman eingeführten Rollfilm, der im Vergleich zu fotografischen Nass- und Trockenplatten erheblich einfacher zu handhaben war. Mit der späteren Digitalkamera kam ein weiterer Paradigmenwechsel hinzu: das sofort sichtbare Bildergebnis, das sich unmittelbar beurteilen und korrigieren ließ. Und bei der heute allgegenwärtigen KI, die in Smartphones im Hintergrund arbeitet, muss man sich inzwischen regelrecht anstrengen, ein technisch unbrauchbares Bild zu produzieren. Hinzu kommt die stetige Miniaturisierung der Kameras selbst. Sie wurden kleiner, leichter, allgegenwärtig. Gepaart mit dem drastisch gesunkenen Preis pro Bild – Einsteigergeräte sind günstiger denn je, Speicherplatz ist faktisch unbegrenzt – wurde so eine Bilderflut ausgelöst, die historisch beispiellos ist. Nach Schätzungen von Photutorial werden weltweit rund 5,3 Milliarden Fotos pro Tag aufgenommen, was etwa 61.400 Bildern pro Sekunde entspricht. Rund 90 Prozent dieser Bilder entstehen mit Smartphones.

Nassplatten-Aufnahme einer Schwangeren; der Aufbau dokumentiert mit dem Smartphone
Die Probleme, die sich daraus ergeben, sind vielfältig. Wie schon bei der massenhaften Verfügbarkeit von Musik ist es auch in der Fotografie für individuelle Künstlerinnen und Künstler zunehmend schwierig geworden, in dieser schieren Menge überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Zwar existieren kaum noch klassische Gatekeeper (Bildredakteure, Galeristen oder Verlage), die Veröffentlichungen verhindern könnten, und die Produktionskosten für Eigenveröffentlichungen sind so niedrig wie nie. Doch an ihre Stelle ist ein anderer Problem getreten: Man ist eine Person unter zig Millionen, die gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Auftragsfotografie im privaten Bereich. Wer benötigt (abgesehen von wenigen besonderen Lebensereignissen) noch eine professionelle Fotografin oder einen Fotografen, wenn das Smartphone Bilder liefert, die für die meisten Zwecke als mehr als ausreichend empfunden werden? Zumal diese Bilder ohnehin oft nur flüchtig per Messenger geteilt oder in den endlosen Strom sozialer Medien eingespeist werden. Fotografie wird zur Massenware, zum Wegwerfprodukt. Wer investiert schon gerne viel Zeit, Geld und Sorgfalt in etwas, das primär als flüchtiger Content gedacht ist?

Einer der Klassiker – Katzencontent. Auch mit dem Immer-dabei-Smartphone aufgenommen und mehr als brauchbar.
Das Problem verschärft sich auf zwei Ebenen gleichzeitig: Während die Nachfrage sinkt, senkt die immer einfacher zu beherrschende Technik die Einstiegshürden für Anbieter kontinuierlich. Es gibt immer mehr Fotografierende, die auf einen schrumpfenden Kundenkreis treffen. Wie der Markt solche Konstellationen üblicherweise reguliert, ist bekannt.
Natürlich buhlen nicht alle dieser 5,3 Milliarden Bilder täglich um die Aufmerksamkeit eines anonymen, öffentlichen Publikums. Ein Großteil dient der privaten Dokumentation und Kommunikation: die erste Rodelpartie des Jahres, das Kantinenessen, der Einkaufszettel. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil dieser Bilder entsteht aus explizit künstlerischer Motivation.

Ein einfacher Schnappschuss um die Eltern des Freundes an der Rodelpartie teilhaben zu lassen.
Und doch beeinflusst diese allgegenwärtige Smartphone-Fotografie unser Sehen. Dabei meine ich nicht nur die automatisch erzeugten, hyperrealen Pseudo-HDR-Bildwelten, die Smartphones standardmäßig ausspielen und deren Kontrolle nur wenige Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich beherrschen. Es sind vielmehr die ganz banalen Parameter: Brennweite, Aufnahmehöhe, Bildformat, Framing.
So wie viele Menschen vergessen haben, dass man ein Mobiltelefon ursprünglich ans Ohr hält, um zu telefonieren, scheint auch in Vergessenheit geraten zu sein, dass man es zum Fotografieren drehen kann. Die Hochkant-Haltung, in der wir Smartphones üblicherweise nutzen, hat sich tief in unsere fotografische Praxis eingebrannt – für Fotos wie für Videos. Das hat einerseits mit Bequemlichkeit zu tun — das Drehen des Geräts wird als unnötiger Zusatzaufwand empfunden, sowohl beim Aufnehmen als auch beim späteren Betrachten. Andererseits folgt es klar den Vorgaben sozialer Plattformen. Die gängigen Social Media Apps sind ausschließlich im Hochformat nutzbar. Querformatige Bilder nehmen deutlich weniger Bildschirmfläche ein und fallen entsprechend weniger auf. Diese Logik wird systematisch weitergetrieben: Während Instagram früher Hochformate auf 4:5 beschnitt, dominiert inzwischen ein noch bildschirmfüllenderes 3:4. Die Frage, welches Format einem Motiv angemessen wäre, wird durch die Frage ersetzt, welches sich besser posten lässt.

Bevor man Momente ganz verstreichen lässt, kann man sie besser mti dem Smartphone als gar nicht festhalten. Nur würde das Motiv auf den meisten Geräten dann untergehen.
Ähnlich verhält es sich mit der Aufnahmehöhe. Die meisten Bilder entstehen schlicht auf Augenhöhe, lediglich die Kameraneigung wird variiert. Da Smartphones im Gegensatz zu vielen klassischen Kameras kein schwenk- oder klappbares Display besitzen, erfordern alternative Perspektiven tatsächliche körperliche Bewegung. Etwas, das einige bewusst praktizieren, das Gros jedoch vermeidet.
Auch die verbauten Objektive prägen die Bildsprache. Die Mehrheit der Smartphone-Kameras arbeitet mit Weitwinkel- oder Ultraweitwinkelbrennweiten. Leichte oder gar ausgeprägte Telebrennweiten etablieren sich erst allmählich und vor allem in hochpreisigen Modellen. Das führt zwangsläufig zu einer Bildästhetik der Nähe, oft auch der Distanzlosigkeit: mittendrin statt beobachtend. Gleichzeitig verhindert die Kombination aus kurzer Brennweite und extrem kleinem Sensor ein echtes Spiel mit der Tiefenschärfe. Nahezu alles im Bild erscheint scharf. Das gezielte Herauslösen von Motiven erfolgt über rechnerische Bildmanipulation, bei der Tiefensensoren ein künstliches Bokeh erzeugen. Auf Smartphone-Displays mag das überzeugend wirken, am größeren Bildschirm treten die Schwächen dieser Übergangszonen jedoch schnell zutage.
Die wenigsten Smartphone-Fotos sind sorgfältig komponiert. Zwar lassen sich Gitternetzlinien und künstliche Wasserwaagen einblenden, doch die meisten Bilder entstehen schnell „aus der Hüfte“ – Schiefstände, Anschnitte, Unsauberkeiten inklusive.
Und genau das hält ausgerechnet der Instagram-Chef Adam Mosseri für den richtigen Weg. In einem Instagram-Post schrieb er: „The primary way people share now is in DMs: blurry photos and shaky videos of daily experiences. Shoe shots and unflattering candids. This raw aesthetic has bled into public content and across artforms. The camera companies are betting on the wrong aesthetic. They’re competing to make everyone like a pro photographer from 2015. But in a world where AI can generate flawless imagery, the professional look becomes the tell. Flattering imagery is cheap to produce and boring to consume. People want content that feels real. Savvy creators are leaning into unproduced, unflattering image. In a world where everything can be perfected, imperfection becomes a signal. Rawness isn’t just aesthetic preference anymore — it’s proof. A way of saying: this is real because it’s imperfect.“

Keine Frage: Der Schnappschuss mit dem Smartphone links wirkt trotz des Posens für die Kamera spontaner und echter als das Bild rechts. Nur ist das Bild rechts deswegen langweilig?
Man muss den Amerikanern eines lassen: Kaum jemand beherrscht es besser, einen wahren Kern mit Selbstüberhöhung und gezielter Verdrehung oder auch Lügen zu vermengen, damit es ins eigene Weltbild passt. Er behauptet nämlich weiter: „Power has shifted from institutions to individuals because the internet made it so anyone with a compelling idea could find an audience. The cost of distributing information is zero. Individuals, not publishers or brands, established that there’s a significant market for content from people. Trust in institutions is at an all-time low. We’ve turned to self-captured content from creators we trust and admire.“

Auch hier ist das Smartphone-Bild links „echter“, könnte aber auch nie die Wirkung der tatsächlichen Nassplatte auf der rechten Seite entfalten.
Mosseri hat nicht in allem Unrecht, bewegt sich aber in einer alternativen Realität. Ich erspare mir die gespielte Verwunderung darüber, woher er weiß, was in privaten Nachrichten geteilt wird, ebenso wie den Hinweis darauf, welchen Anteil Metas Plattformen selbst am Vertrauensverlust in Institutionen haben, indem sie Desinformation, Bots und demokratiezersetzenden Müll nicht nur dulden, sondern algorithmisch befördern.
Ja, es hat eine Demokratisierung der Veröffentlichung gegeben. Aber Sichtbarkeit entsteht nicht von selbst. Auch auf Meta-Plattformen ist Reichweite ein käufliches Gut. Sichtbarkeit wird künstlich verknappt, um sie als Werbung oder Abo-Modell zu verkaufen. Und es sind Konzerne wie Meta, Alphabet, Amazon, Spotify oder Etsy, die den Markt für selbstproduzierten Content nicht nur ermöglichen, sondern ihn gezielt abschöpfen. Der überwiegende Teil dieses „demokratisierten“ Contents findet auf ihren Plattformen statt – zu ihren Bedingungen.

Zines und Bücher zu machen, ist heute für niemanden ein Problem mehr. Die Kund:innen dafür zu finden, ist allerdings eine ganz andere Frage.
Rohheit und Direktheit sind zudem keine neuen ästhetischen Kategorien. Es überrascht kaum, wenn Mosseri mit Namen wie Nan Goldin wahrscheinlich wenig anfangen kann. Ebenso zweifelhaft ist, ob er zwischen klassischen Kameraherstellern und Smartphone-Produzenten sauber unterscheidet. Auch wenn sich einzelne KI-Funktionen inzwischen in Kameras finden, bleibt der Abstand zu Smartphones erheblich. Aus einer klassischen Kamera ein ästhetisch überzeugendes Bild zu gewinnen, erfordert nach wie vor Wissen, Erfahrung und gestalterische Entscheidungen.
Sein Satz „Flattering imagery is cheap to produce and boring to consume“ ließe sich nur dann wohlwollend lesen, wenn man unterstellt, dass er professionelle Bildproduktion ausschließlich mit Smartphone-Filtern verwechselt. Ja, wir kennen alle diese Beautyfilter in den Videoaufzeichnungen vermeintlich Zwanzigjähriger, die am Ende, wenn der Filter mal versagt, eher wie Ende 40 aussehen. Hochwertige Fotografie und Filmproduktion sind aber alles andere als billig: Kameras, Optiken, Licht, Postproduktion – all das kostet Zeit, Geld und Können. Und wenn diese Mühe investiert wird, ist das Ergebnis vieles, aber sicher nicht langweilig.
Auch seine These, im Zeitalter perfekter KI-Bilder werde der professionelle Look zum verräterischen Zeichen, verkennt die enorme ästhetische Bandbreite professioneller Fotografie. Offenbar gilt für ihn alles, was nicht bewusst schlampig wirkt, bereits als „professionell“.
Allerdings lässt sich heute mit KI ebenso problemlos eine vermeintlich spontane, fehlerhafte, „unperfekte“ Ästhetik erzeugen. Spätestens seit Modellen wie Googles Nano Banana sagt sichtbare Imperfektion oder vermeintliche Spontanität nichts mehr über Echtheit aus.

Das ist nur das allererste Ergebnis eines spontanen Prompts um zu zeigen, dass die KI auch diese vermeintliche Authentizität inzwischen problemlos faken kann. Mit etwas mehr Mühe könnte man auch die Untertitel im Fernsehen wegshoppen, aber ich wollte zeigen, was einfach schon in 10 Sekunden erzeugbar ist. Das Wasserzeichen von Google ließe sich genau so schnell wegshoppen.
In einem Punkt stimme ich Mosseri jedoch zu: In einer Welt der technischen Perfektion wird Imperfektion zum Signal. Nur ziehe ich daraus andere Schlüsse. Ich weise in meinem Blog und meinem Zine immer wieder darauf hin, dass ich die immer besser werdende optische Qualität von Objektiven schwierig werden, da wir nun auch in der echten Fotografie eine überkorrigierte, hyperreale Bildwelt schaffen, die wir bislang mit generativer KI wie Midjourney gleichsetzen. Beides wirkt gleich seelenlos. Die Lösung besteht aber nicht darin, hyperkorrigierte Bildwelten durch gedankenlose Smartphone-Fotografie zu ersetzen. Authentizität lässt sich nicht durch ästhetische Nachlässigkeit simulieren.

Eine weitere Nano Banana Variante. Etwas glattgeleckter, aber mit einem Look, der einem heute tausendfach auf Instagram entgegenstrahlt.
Smartphone-Fotografie ist praktisch, niedrigschwellig und kommunikativ. Auch ich halte damit familiäre Momente fest. Aber sie wird die Fotografie mit klassischen Kameras nicht als Kunst- und Ausdrucksform ersetzen. Im Gegenteil: Je austauschbarer Bilder werden, desto größer wird der Wert jener Arbeiten, die bewusst gestaltet, handwerklich fundiert und ästhetisch reflektiert sind.

Für ein Making Of braucht es keine Aufwendige Fotografie mit den neuesten Digitalkameras. Ein Smartphone verrichtet hier in der Tat genau so gut seinen Dienst.
Dass wir Imperfektion zulassen und gezielt einsetzen sollten, vertrete ich seit Langem. Nicht ohne Grund arbeite ich an meiner Fujifilm GFX bevorzugt mit Altglas, mit Projektions– und Weichzeichner-Objektiven oder zähme moderne Optiken wie die Sigma Art Objektive oder das Fujifilm XF33/1.4 mit Diffusionsfiltern. Meine Bildästhetik ist weder glattgeleckt noch künstlich und sie würde durch keine Smartphone-Ästhetik gewinnen.

Etwas, dass man mit dem Smartphone so nie erzielen würde. Fujifilm GFX100S und Spiratone Portragon 100/4.
Die Flut an KI-Slop erzeugt bereits Widerwillen. Die Flut schlechter Smartphone-Ästhetik ebenso. Spätestens wenn Bots erkennen, dass sich mit imitierten Handylooks mehr Reichweite erzielen lässt als mit überzeichneter KI-Perfektion, wird auch dieses Unterscheidungsmerkmal bedeutungslos.
Der Bedarf an Künstlerinnen und Künstlern mit echtem Handwerk wird dennoch bestehen bleiben. Vielleicht müssen wir manchen Betrachtern das Sehen neu beibringen. Vielleicht wird das fotografische Erlebnis selbst – das Shooting, die Begegnung, der Prozess – wieder stärker in den Vordergrund rücken. Obsolet aber wird diese Form der Fotografie nicht. Nicht, solange wir sie mit Verstand, Haltung und Beharrlichkeit verteidigen.



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