Objektive von Faltkameras – auch sie lassen sich adaptieren
Faltkameras gehörten über viele Jahrzehnte zu den verbreitetsten Kamerabauformen überhaupt. Ihr entscheidender Vorteil lag weniger in einem bestimmten Filmformat oder einer bestimmten Qualitätsstufe als in ihrer Konstruktion: Durch den zusammenfaltbaren Balgen ließ sich der für die Aufnahme erforderliche Abstand zwischen Objektiv und Film auf ein erstaunlich flaches Gehäuse reduzieren. Eine Kamera für vergleichsweise große Negative konnte dadurch beinahe in einer Manteltasche verschwinden.
Dabei bezeichnet „Faltkamera“ keineswegs eine einheitliche Kameraklasse. Neben preiswerten Amateurkameras mit einfachen Objektiven gab es hochwertige Modelle mit Entfernungsmesser, aufwendigen Verschlüssen und renommierten Optiken. Auch die verwendeten Aufnahmematerialien unterschieden sich: Faltkonstruktionen wurden für Platten, Plan- und Packfilm ebenso angeboten wie für verschiedene Rollfilmformate. Die Spannweite reicht von einfachen Kodak-Modellen mit Meniskuslinse bis zu Kameras mit Tessar, Heliar oder anderen anspruchsvollen Objektivkonstruktionen. „Faltkamera“ ist daher zunächst eine Beschreibung der Bauform und kein Qualitätsurteil.

Heute werden viele dieser Kameras sehr günstig angeboten. Nicht selten sind ihre Balgen undicht, die Entfernungsmesser verstellt oder die Transportmechanismen schwergängig, während Objektiv, Blende und Zentralverschluss noch brauchbar sind. Gerade solche unvollständigen oder technisch nicht mehr sinnvoll restaurierbaren Exemplare können interessante Objektivspender sein. Eine gut erhaltene, seltene und funktionsfähige historische Kamera würde ich dagegen nicht allein wegen ihrer Optik zerlegen; bei einem ohnehin defekten Gehäuse kann der Ausbau des Objektivs jedoch eine Möglichkeit sein, wenigstens einen Teil der Kamera wieder fotografisch zu nutzen.

Weshalb die Objektive gut zur Fujifilm GFX passen können
Viele Faltkameraobjektive wurden für Negative im Format 6 × 6, 6 × 9 Zentimeter oder noch größer gerechnet. Der Sensor der Fujifilm GFX 50R misst dagegen 43,8 × 32,9 Millimeter und besitzt eine Diagonale von knapp 55 Millimetern. Ein Objektiv für 6 × 6 muss bereits einen Bildkreis von mindestens rund 79 Millimetern ausleuchten, eines für 6 × 9 sogar von mehr als 100 Millimetern. Deshalb besitzen viele dieser Objektive auf der GFX erhebliche Bildkreisreserven.
Daraus folgt allerdings nicht, dass jedes Faltkameraobjektiv grundsätzlich frei von Vignettierung ist. Der rechnerische Bildkreis ist nur einer von mehreren Faktoren. Auch der Verschluss, die hintere Fassung, ein zu enger Adapter oder das Innere des Helicoids können die Randstrahlen beschneiden. Besonders bei starkem Nahfokus, bei dem das Objektiv weit ausgezogen wird, kann sich die effektive Ausleuchtung verändern. In der Praxis funktionieren Objektive aus den größeren Rollfilmformaten an der GFX dennoch häufig erstaunlich problemlos.

Ausbau: Der Befestigungsring ist entscheidend
Die meisten hier behandelten Objektive sitzen mitsamt ihrem Zentralverschluss auf der vorderen Standarte der Kamera. Auf deren Rückseite werden sie von einem flachen Schraubring gehalten. Dieser Ring besitzt häufig zwei gegenüberliegende Aussparungen, in die ein Objektivschlüssel eingesetzt werden kann.
Mit einer Zange, einem Schraubendreher oder improvisiertem Werkzeug sollte man hier nicht arbeiten. Die dünnen Ringe verformen sich leicht, und ein abrutschendes Werkzeug kann sowohl den Balgen als auch die hintere Linse beschädigen. Hilfreich ist ein Objektivschlüssel mit verstellbaren Spitzen, wie er auch zum Öffnen anderer Objektivfassungen verwendet wird.
Nach dem Lösen des Rings lässt sich die gesamte Einheit aus Objektiv, Blende und Verschluss nach vorn aus der Standarte nehmen. Der originale Befestigungsring sollte unbedingt aufbewahrt werden, falls man die Kamera mal wieder zusammenbauen möchte.
Vor dem Ausbau lohnt sich eine genaue Prüfung. Sind die Blendenlamellen frei von Öl? Öffnet der Verschluss zuverlässig? Gibt es Glaspilz, starken Nebel oder Separationen? Leichte Putzspuren müssen kein Ausschlussgrund sein, können die Bildwirkung aber erheblich verändern. Ein jahrzehntealter Zentralverschluss sollte außerdem niemals mit Gewalt gespannt oder verstellt werden.

Bildkreis, Sensorabstand und Auszug
Für eine erfolgreiche Adaption müssen drei Dinge getrennt betrachtet werden. Der Bildkreis entscheidet darüber, ob der Sensor vollständig ausgeleuchtet wird. Der Abstand zwischen Objektiv und Sensor bestimmt, ob die Unendlichkeitseinstellung erreichbar ist. Der mögliche Auszug wiederum entscheidet darüber, wie nah fokussiert werden kann.
Die Brennweite allein verrät noch nicht exakt, in welchem Abstand ein historisches Objektiv montiert werden muss. In der Nähe der Unendlichkeit liegt die erforderliche Distanz ungefähr in der Größenordnung der Brennweite, die tatsächliche Lage der Hauptebenen befindet sich jedoch nicht zwangsläufig an der Rückseite des Verschlusses. Deshalb empfiehlt sich ein modularer Aufbau, dessen Länge sich verändern lässt.
Anders als bei modernen Wechselobjektiven existiert für solche Objektive normalerweise kein standardisiertes Kamerabajonett. Der hintere Anschluss ist lediglich das Befestigungsgewinde, mit dem der Verschluss ursprünglich an der Kamerastandarte saß. Bei meinen Exemplaren kommen Fassungsgewinde beziehungsweise Befestigungsdurchmesser von ungefähr 25, 30 und 32,5 Millimetern vor. Andere Kameras können wiederum vollkommen andere Maße besitzen. Vor dem Kauf eines Adapterringes muss daher der Außendurchmesser beispielsweise mit einem Messschieber gemessen werden.
Wie wird fokussiert?
Auch die ursprüngliche Fokussierung war bei Faltkameras keineswegs immer gleich. Bei manchen Modellen wurde nur die vordere Linsengruppe gedreht, bei anderen bewegte sich das gesamte Objektiv auf einer Schnecke. Aufwendigere Kameras verschoben dagegen die komplette Standarte mitsamt Objektiv und Verschluss entlang einer Führung. Es gab außerdem einfache Fixfokus-Kameras.
Eine vorhandene Frontlinsenfokussierung bleibt beim Ausbau grundsätzlich erhalten. Sie besitzt jedoch oft nur einen begrenzten Einstellbereich und war auf die exakte Lage des Films in der ursprünglichen Kamera kalibriert. Für eine universelle Adaption ist deshalb ein Helicoid zwischen Objektiv und Kameragehäuse die deutlich flexiblere Lösung. Damit wird die gesamte Objektiveinheit vor- und zurückbewegt, ähnlich wie bei einer Balgenkamera.
Mein Aufbau besteht von der Kamera aus gesehen aus einem GFX-auf-M65-Adapter, einem M65-Helicoid mit einem Verstellweg von 25 bis 55 Millimetern, gegebenenfalls einem zusätzlichen Zwischenring, einer Reduzierung von M65 auf M42 und schließlich dem jeweils zum Fassungsgewinde passenden Objektivadapter. Bei vier der fünf zuerst getesteten Objektive war zusätzlich ein 36 Millimeter langer M65-Zwischenring erforderlich. Durch das modulare System muss nicht für jedes Objektiv ein vollständig neuer Adapter konstruiert werden.

Von rechts nach links handelt es sich um folgende Teile:
- Einen Adapter, um den Helicoid an der jeweiligen Kamera zu befestigen. In diesem Fall ist es ein M65-Adapter auf GFX.
- Der Helicoid selbst. Ich habe mich für einen relativ kurzen (25-55) Adapter entschieden, der dafür aber einen dicken (M65) Durchmesser, um ihn möglichst universell nutzen zu können. So braucht man nur eine einmalige Anschaffung des vergleichsweise teuren Helicoids und kann mit weiteren billigen Adaptern alles Mögliche damit anstellen.
- Distanzstück, das je nach verwendetem Objektiv variiert. Bei 4 von 5 Objektiven bin ich mit einem 36mm Distanzstück zurechtgekommen (bei dem fünften wurde das Objektiv ohne Distanzstück an den Helicoid geschraubt), aber es lohnt sich durchaus ein Set mit verschiedenen Längen zu kaufen.
- Adapter von M42 auf M65, da die meisten Adapter für die notwendigen Linsen-Gewinde auf M42 enden.
- Adapter von der Größe des Linsengewindes (im oberen Bild M32,5) auf M42.
Das letzte Adapter-Stück variiert je nach verwendetem Objektiv. Bei meinen fünf Objektiven, die ich aus Faltkameras ausgebaut habe, gibt es drei verschiedene Gewindegrößen (von links nach rechts: 32,5 / 30 / 25)

Der Zentralverschluss muss offen bleiben
Bei einer Digitalkamera übernimmt deren Schlitzverschluss (oder der elektronische Verschluss) die eigentliche Belichtung. Der im historischen Objektiv eingebaute Zentralverschluss darf den Strahlengang daher nicht während der Aufnahme schließen.
Besitzt der Verschluss eine Einstellung „T“, ist die Handhabung einfach: Beim ersten Betätigen öffnet er sich und beim zweiten schließt er wieder. Bei „B“ bleibt der Verschluss nur so lange offen, wie der Auslöser gedrückt wird. In diesem Fall ist ein Drahtauslöser mit Feststellschraube ausgesprochen hilfreich. Er hält den Verschluss geöffnet, ohne dass während der Aufnahme dauerhaft ein Finger auf dem Auslöser liegen muss. Genau dieses Verhalten der B- und T-Einstellungen ist auch in den zeitgenössischen Bedienungsanleitungen beschrieben.
Vor dem Abnehmen von der Kamera sollte der Drahtauslöser wieder gelöst und der Verschluss geschlossen werden. Dadurch sind die hinteren Linsen beim Hantieren etwas besser geschützt.
Kein Labortest, sondern ein Vergleich der Bildwirkung
Die folgenden Aufnahmen entstanden mit der Fujifilm GFX 50R und jeweils bei vollständig geöffneter Blende. Sie sind nicht als messtechnischer Vergleich gedacht. Brennweiten, Lichtstärken und teilweise auch die Aufnahmeabstände unterscheiden sich. Entscheidend ist vielmehr, welchen Charakter die Objektive im praktischen Einsatz zeigen: Wie klar wird das Hauptmotiv wiedergegeben, wie löst sich der Hintergrund auf und wie stark greifen Alter, Konstruktion und Erhaltungszustand in die Bildwirkung ein?
Agfa Agnar 85/4,5
Das Agfa Agnar stammt aus einer Isolette und ist mit 85 Millimetern das weitwinkligste Objektiv dieses Vergleichs. An der GFX entspricht sein Bildwinkel ungefähr dem eines 67-Millimeter-Objektivs an Kleinbild. Es ist damit keine klassische lange Portraitbrennweite, eignet sich aber gut für Halbfiguren, Umgebungsportraits und Aufnahmen, bei denen der Raum um die Person sichtbar bleiben soll.
Die Leistung überrascht. In der Bildmitte zeichnet das Agnar bei offener Blende wesentlich klarer, als es der Ruf vieler einfacher Faltkameras vermuten lässt. Der Hintergrund wird nicht vollkommen ruhig, zerfällt aber auch nicht in eine nervöse Ansammlung harter Konturen. Gerade auf dem kleineren GFX-Sensor wird zudem nur ein zentraler Ausschnitt des ursprünglich für 6 × 6 gedachten Bildfeldes genutzt.
Schwache Aufnahmen aus einer alten Isolette müssen deshalb nicht zwangsläufig auf das Objektiv zurückzuführen sein. Undichte Balgen, mangelnde Filmplanlage oder ein ungenau arbeitender Verschluss können die Ergebnisse der kompletten Kamera ebenso beeinträchtigen. Mein Exemplar besitzt keine komfortabel offen bleibende T-Stellung. Für die Adaption muss der Verschluss deshalb auf B gestellt und mit einem feststellbaren Drahtauslöser offen gehalten werden.

Schneider-Kreuznach Radionar 105/4,5
Das Schneider-Kreuznach Radionar ist mein Favorit unter den fünf zuerst adaptierten Objektiven. Mit 105 Millimetern besitzt es an der GFX ungefähr den Bildwinkel eines klassischen 83-Millimeter-Portraitobjektivs an Kleinbild. Die Brennweite ermöglicht eine angenehme Aufnahmedistanz, ohne dass sie bereits deutlich komprimierend oder distanziert wirkt.
Bei offener Blende verbindet das Radionar eine erstaunlich feine Zeichnung des Hauptmotivs mit einem Hintergrund, der sichtbar eigenständig bleibt. Das Bokeh ist nicht so glatt und neutral wie bei einem modernen, hochkorrigierten Portraitobjektiv, wirkt aber auch nicht unruhig um seiner selbst willen. Konturen lösen sich weich auf, ohne vollständig zu verschwinden, und helle Flächen behalten etwas Struktur.
Gerade diese Balance macht das Radionar interessant. Es liefert weder die demonstrative Perfektion eines aktuellen Objektivs noch einen sofort erkennbaren Effektlook. Stattdessen entsteht eine zurückhaltende historische Anmutung, die sich vor allem in den Übergängen, im mäßigeren Mikrokontrast und in der Zeichnung außerhalb der Schärfeebene zeigt. Mit f/4,5 ist es zudem lichtstark genug, um auf dem großen Sensor eine klar erkennbare Freistellung zu erzeugen.

Steinheil Doppelanastigmat Unofocal 105/5,4
Das Steinheil Unofocal unterscheidet sich bereits historisch von den gewöhnlichen Objektiven vieler späterer Amateurfaltkameras. Die Bezeichnung „Doppelanastigmat“ verweist auf eine ältere Objektivklasse, bei der mehrere Linsengruppen annähernd symmetrisch um die Blende angeordnet wurden. Zeitgenössische Beschreibungen ordnen das Unofocal den universell einsetzbaren, teilweise auch konvertierbaren Doppelanastigmaten zu.
Wie ein unbeschädigtes Exemplar dieses Objektivs heute zeichnen würde, lässt sich aus meinen Aufnahmen allerdings nur eingeschränkt ableiten. Die Linsen tragen deutlich sichtbare Spuren früherer Reinigungsversuche. Das Objektiv ist deshalb weich, kontrastarm und gegen einfallendes Licht ausgesprochen empfindlich. Diese Eigenschaften sind nicht einfach mit der ursprünglichen Rechnung gleichzusetzen, sondern gehören zu genau diesem Exemplar.
Gerade deshalb mag ich es. Die Beschädigungen führen nicht nur zu einer allgemeinen Unschärfe, sondern zu einer von Licht und Motiv abhängigen Überstrahlung. Helle Partien scheinen sich auszudehnen, während dunklere Konturen teilweise erstaunlich gut erhalten bleiben. Das Ergebnis erinnert eher an ein altes Weichzeichnerobjektiv als an eine lediglich schlecht fokussierte Aufnahme. Es zeigt zugleich, weshalb stark gezeichnete historische Linsen nicht automatisch unbrauchbar sind: Als präzise Werkzeuge mögen sie ihren Wert verloren haben, als eigenständige Bildwerkzeuge können sie etwas bieten, das sich mit einem technisch makellosen Objektiv nur schwer nachbilden lässt.

Voigtländer Helomar 105/3,5
Das Voigtländer Helomar ist mit f/3,5 das lichtstärkste Objektiv des Vergleichs. Voigtländer beschrieb das Helomar seinerzeit als dreilinsigen Anastigmaten. Eine solche vergleichsweise einfache Konstruktion muss keineswegs schlecht sein, zeigt bei großer Öffnung jedoch häufig deutlicher, welche Bildfehler zugunsten von Preis, Lichtstärke und kompakter Bauweise nicht vollständig korrigiert wurden.
In meinen Aufnahmen liefert das Helomar das auffälligste und unruhigste Bokeh der fünf Objektive. Hintergründe mit Ästen, Blättern oder kleinen hellen Reflexen können sich in deutlich sichtbare, teilweise wirbelnde Strukturen verwandeln. Ob man das als reizvoll oder störend empfindet, hängt stärker als bei den anderen Objektiven vom Motiv ab.
Vor einem weit entfernten und gleichmäßigen Hintergrund kann diese Zeichnung ein Portrait lebendig vom Raum lösen. Treffen jedoch viele kontrastreiche Details aufeinander, konkurriert das Bokeh schnell mit dem Hauptmotiv. Das Helomar ist daher weniger universell als das Radionar, besitzt dafür aber den eindeutigeren Charakter. Seine offene Blende sollte nicht lediglich als lichtstärkste Einstellung verstanden werden, sondern beinahe als eigener Effektmodus. Schon ein moderates Abblenden dürfte die Bildwirkung erheblich beruhigen, würde dem Objektiv aber zugleich einen Teil dessen nehmen, was es in diesem Vergleich besonders macht.

Zeiss Ikon Novar-Anastigmat 120/6,3
Mit 120 Millimetern ist das Zeiss Ikon Novar-Anastigmat das längste, mit f/6,3 zugleich aber auch das lichtschwächste Objektiv des ersten Vergleichs. Der Bildwinkel entspricht an der GFX ungefähr einem 95-Millimeter-Objektiv an Kleinbild. Damit liegt es grundsätzlich in einem sehr brauchbaren Portraitbereich.
Das Novar zeichnet das Hauptmotiv ordentlich und erzeugt einen eher sanften, wenig aggressiven Gesamteindruck. Seine geringe Lichtstärke begrenzt jedoch die Freistellung. Trotz der längeren Brennweite löst sich der Hintergrund nicht so deutlich auf, wie man es von einem modernen 100- oder 120-Millimeter-Portraitobjektiv erwarten könnte. In der Wirkung ähnelt es teilweise dem Radionar, erreicht aber weder dessen angenehmere Balance zwischen Schärfe und Hintergrundzeichnung noch die ausgeprägte Eigenständigkeit des Helomar.
In diesem konkreten Offenblendenvergleich landet das Novar deshalb für mich auf dem letzten Platz. Das ist kein allgemeines Urteil über die Qualität der Novar-Objektive. Die Bezeichnung wurde über lange Zeit für unterschiedliche Brennweiten und Ausführungen verwendet; ein 12-Zentimeter-Novar f/6,3 ist bereits aus der Mitte der 1920er-Jahre dokumentiert. Als historisches Aufnahmeobjektiv und für Motive, bei denen eine zurückhaltende Zeichnung wichtiger ist als maximale Freistellung, bleibt es durchaus interessant.

Weitere Ergänzungen
Wie immer: Wenn man erstmal die Büchse der Pandora geöffnet hat, dann kommen einem über kurz oder lang natürlich noch weitere Objektive ins Haus geflattert, die dann aber natürlich nicht unerwähnt bleiben sollen.
Kodak Vest Pocket Model B
Ein besonders eigenwilliger Nachtrag ist das Objektiv einer Kodak Vest Pocket Model B. Diese Kamera wurde in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren für 127er-Rollfilm gebaut. Das Negativformat war trotz der sehr kleinen Kamera größer als der Sensor der GFX, sodass die ausreichende Ausleuchtung weniger überraschend ist, als es der winzige Fassungsdurchmesser von ungefähr 20 Millimetern zunächst vermuten lässt.
Hier handelt es sich nicht um ein konventionelles Objektiv mit Irisblende, sondern um eine einfache Meniskuslinse mit vier festen Öffnungen. Die größte Öffnung liegt ungefähr bei f/11, die weiteren bei etwa f/16, f/22 und f/32. Der diffuse Charakter meiner Aufnahmen entsteht daher nicht durch eine außergewöhnlich große Blende, sondern vor allem durch die sehr einfache optische Konstruktion. Die Bedienungsanleitung beschreibt zudem eine feste beziehungsweise weitgehend festgelegte Fokussierung für Motive ab ungefähr sechs Fuß Entfernung; durch die Montage auf einem Helicoid lässt sich die Linse nun wesentlich flexibler einsetzen.

Das Ergebnis besitzt bereits ohne beschädigte oder zerkratzte Linsen einen ausgeprägten Weichzeichnercharakter. Konturen bleiben im Zentrum erkennbar, werden jedoch von einem hellen Schleier und weichen Überstrahlungen überlagert. Wegen der geringen Lichtstärke ist die Linse nichts für bewegte Motive bei schwachem Licht. Für bewusst inszenierte Nahportraits oder stille Motive kann sie dagegen einen Look erzeugen, der weniger nach einem alten Fotoobjektiv als nach den frühen Jahren der populären Amateurfotografie aussieht.

Ein kleines (Zwischen-)Fazit
Objektive aus Faltkameras bilden keine einheitliche Kategorie. Sie unterscheiden sich in Alter, Konstruktion, Lichtstärke, Aufnahmeformat und ursprünglichem Anspruch mindestens ebenso stark wie moderne Objektive. Gerade deshalb kann sich die Beschäftigung mit ihnen lohnen. Zwischen einer einfachen Meniskuslinse, einem dreilinsigen Anastigmaten und einem historischen Doppelanastigmaten liegen vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein fotografisches Bild aussehen soll.
Die Fujifilm GFX eignet sich für solche Experimente besonders gut. Ihr großer Sensor nutzt mehr vom Bildkreis und vom Randcharakter dieser Objektive als eine Kleinbild- oder APS-C-Kamera, bleibt aber noch deutlich kleiner als viele der ursprünglichen Rollfilmnegative. Durch einen ausreichend weit geöffneten, modularen Adapteraufbau mit Helicoid lassen sich verschiedenste Objektive ausprobieren, ohne für jedes Exemplar eine vollständig neue Lösung bauen zu müssen.
Man sollte von diesen Linsen logischerweise weder moderne Schärfe noch perfekte Vergütung, gleichmäßige Kontraste oder berechenbares Bokeh erwarten. Genau darin liegt jedoch ihr Reiz. Die Unterschiede entstehen nicht durch eine nachträglich aufgesetzte Simulation, sondern aus der konkreten optischen Konstruktion, dem Zentralverschluss, dem Alter und manchmal auch aus den Spuren eines langen Gebrauchslebens.
Nicht jedes alte Objektiv wird dadurch automatisch interessant. Manche sind lediglich lichtschwach, kontrastarm oder umständlich zu verwenden. Andere entwickeln an der Digitalkamera jedoch eine Bildwirkung, die ihre unscheinbare Herkunft kaum vermuten lässt. Eine defekte Faltkamera kann so zum Ausgangspunkt für ein Objektiv werden, das an einer modernen Mittelformatkamera noch einmal ein vollkommen neues fotografisches Leben beginnt.



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